In Zeiten von Spotify und anderen musikalischen Streaming-Angeboten gibt es bekanntlich jede Menge Playlists, manche davon angeblich handverlesen, aber meist besorgt irgendein Algorithmus die Zusammenstellung der Songs: Wer Wanda mag, hört gern auch was von Bilderbuch oder Voodoo Jürgens. Was dabei leider zunehmend auf der Strecke bleibt, ist das Konzeptalbum. "The Lamb Lies Down on Broadway" von Genesis, "The Wall" oder "The Final Cut" von Pink Floyd, Bon Ivers "For Emma, Forever Ago" oder Paul Simons "Songs from the Capeman" - das sind nur ein paar wenige Beispiele für große Alben aus der Vergangenheit, auf denen jeder Song seinen festen Platz in einem Gesamtkonzept hat und sich nicht einfach so herauslösen lässt, ohne einen Teil seiner Bedeutung zu verlieren. Etwas salopp formuliert: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile, doch die Teile sind nur in der Summe ganz.

- © Literaturedition NÖ
© Literaturedition NÖ

In der Lyrik gibt’s noch keine Playlists, dafür aber das, was man als dichterisches Äquivalent zum Konzeptalbum betrachten könnte: Gedichtbände, die nicht einfach Gedichte versammeln, sondern die Poeme nach einem höheren Ordnungsprinzip reihen. Am simpelsten ist in dieser Hinsicht natürlich das Alphabet. In "lieber, liebste, liebes, liebstes" (Literaturedition Niederösterreich, 2021) versammelt Gerhard Ruiss "andichtungen" von A ("ab bestimmten höhen ...") bis Z ("zwischen zwei gängen"). 188 Stück hat der 1951 geborene Autor in einem auch grafisch sehr schön gestalteten Band zusammengetragen, meist nur kurze Gedichte, die sich irgendwo zwischen Konkreter Poesie und Robert Gernhardt bewegen. Wobei zu konstatieren ist: Je lebensnäher, inhaltsvoller die Gedichte sind, desto besser sind sie. Die Sprachspielereien der Konkreten Poesie wirken inzwischen doch reichlich ermattet: "allerheiligst heiligstes / allerwichtigstes wichtiges / allumfassenderes umfassendes ..." leiert etwa das vorletzte Gedicht dahin, ohne zu einem befriedigenden Ende zu kommen. Dass es viel besser geht, beweist eine Seite weiter das Schlussgedicht: "gib ihm eine chance / geh aufs klo / dass er dir nachsehen / und zahlen sagen / und nach dem zahlen / dich wiederkommen sehen kann / und sag zahlen / und lass ihn sagen, er hat schon / dann sag, oh."

- © Haymon
© Haymon

Auch die Zeit eignet sich prima als strukturgebender Faktor. "Journalgedichte" nennt Sabine Gruber ihre Texte in dem Band "Am besten lebe ich ausgedacht" (Haymon, 2022), und statt eines Titels tragen sie als Individualitätsausweis eine temporale und lokale Verortung: "Im März / Leopoldstadt, Wien" setzt der schmale Band ein und umspannt knapp eineinhalb Jahre, die in unregelmäßigen Abständen und an den verschiedensten Orten (neben Wien Italien und anderswo in Österreich) lyrisch verarbeitet werden. "Durch die Lebenden führt die Straße der Toten" lautet das vorangestellte Motto von Giuseppe Ungaretti, und es ist der 2016 urplötzlich verstorbene Lebenspartner Karl-Heinz Ströhle, um den Sabine Gruber in diesen Gedichten trauert. Manchmal ist der Abwesende ganz nah, mit dem Ich imaginär vereint an Orten des gemeinsamen Erlebens, dann wieder scheint die Trauer um den Verlust unerträglich zu sein.

"Ich kann dich in der Tiefe / Des Grunds, in jeder Welle wieder hören, / Sehen", heißt es am Millstätter See, und das Wunder dieser Gedichte besteht darin, dass die tiefe Traurigkeit den Blick auf die Welt, auf das eigene Ich, auf den verlorenen Geliebten nicht trübt, sondern unendlich schärft. "Wenn ich mich mit ihm traf, wuchsen / Mir Rückenaugen, die alles glauben", lauten zwei ganz wunderbare Verse. Oder: "Gleichklang und Gleichlicht der Abende".

Sabine Grubers "Wörteratem" ist hauchfein und kräftig zugleich, und wie (überlebens)wichtig das Dichten ist, spürt man hier in jeder Verszeile: "Schreiben, um zu leben, nicht leben / Um Sätze zu fangen".

- © Suhrkamp
© Suhrkamp

Ein lyrisches Wunderwerk ist auch der bereits achte Gedichtband des Theologen Christian Lehnert: "opus 8. Im Flechtwerk" (Suhrkamp, 2022) heißt er, und er versammelt 7 mal 7 Gedichtpaare, bei denen jeweils auf einen sentenzenhaften Zweizeiler auf eine Pflanze oder ein Tier ein längeres Gedicht folgt, das ebenfalls Naturphänomene beschreibt. Der Sound dieser Gedichte, die sich ganz selbstverständlich des Reims und eingängiger Metaphorik bedienen, kann beinahe süchtig machen: "Nun bin ich an der Kehre / hier beginnt / Die andre Seite dessen / was vergeht. / Pupilleninneres / woraus besteht / Das Nachbild / das in trocknem Reisig glimmt?" Diese Gedichte sind "Soli Deo Gloria" geschrieben, aber dass (im weitesten, fast pantheistischen Sinne) geistliche Lyrik so schön und zugleich so modern, so naturnah und zugleich so metaphysisch klingen könnte, wagte man vor Lehnert nicht einmal zu ahnen. Hier wird das Konzeptalbum zum poetischen Wunderwerk.