- © Weidle
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Miguel de Unamuno (1864-1936) - einer jener Namen aus der Geistesgeschichte, von denen man ein Leben lang denkt: Sollte ich doch auch einmal lesen! Nun gibt es die Gelegenheit dazu, da der Bonner Weidle Verlag eines seiner erzählerischen Werke wieder in deutscher Sprache zugänglich macht (Nebel. Roman. Übersetzt von Olaf Buek, Roberto de Hollanda und Stefan Weidle, Weidle Verlag, Bonn 2022, 296 Seiten). Das in jenen Jahrzehnten der literarischen Moderne gerne thematisierte Verhältnis des Autors zu seinen Figuren findet hier eine humoristische Zuspitzung: Am Ende erklärt der Erzähler dem Helden, er werde ihm nun den Garaus machen, was Zweiterem durchaus missfällt, aber nichts daran ändert, dass er stracks verstirbt - und die Geschichte ist aus.

- © Berenberg
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Bei den (meist schmalen) Büchern von Vicente Valero ist man verwundert, wie sie auf dem Jahrmarkt der literarischen Eitelkeiten überdauern können, wo angeblich nur noch das Populäre, Platte, Plakative eine Chance bekommt. Für mich liegt ihr besonderer Reiz in der Innigkeit, mit der sich der Autor über "seine" Insel, Ibiza, beugt, und über die Jahre, in denen er dort aufwuchs und aus einem der hintersten, ärmlichsten Winkel Europas ein touristisches Wunderland wurde. Vielleicht liegt das daran, dass ich selber in einer solchen Gegend etwa zur selben Zeit aufgewachsen bin, nur eben mitten in Mitteleuropa. Im zuletzt erschienen Band, "Krankenbesuche" (Übersetzt von Peter Kultzen, Berenberg Verlag, Berlin 2022, 108 Seiten), wird von nichts anderem erzählt als eben - Krankenbesuchen. Mit einer an Proust gemahnenden Intensität erinnert sich der Erzähler der Zeit, als er an der Hand seiner Mutter die Gassen der alten Stadt abklapperte, in fremden Wohnungen saß und dabei zuschaute, wie die einen krank waren und die anderen um sie herumsaßen und redeten. Eine verhaltene Komik, von Melancholie durchtränkt, für mich unwiderstehlich.

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Wenn man Mitte der 1930er Jahre jung war und zu den wirklich "Guten" gehören wollte, genügte es nicht, am Freitag die Schule zu schwänzen oder sich an einer belebten Kreuzung festzukleben. Da musste man schon nach Spanien in den Kampf ziehen. Unnachahmlich schildert das Jessica Mitford, eine der berühmten Schwestern, in ihrem erstmals 1960 erschienen Erinnerungsbuch (Hunnen und Rebellen. Meine Familie und das 20. Jahrhundert.Übersetzt von Joachim Kalka, Berenberg Verlag, Berlin 2022, 381 Seiten). Die erste und beinahe schon größte Schwierigkeit besteht für das sehr behütete Mädchen aus dem englischen Landadel darin, erst einmal von zu Hause auszubüxen. Am Ende kommt sie zusammen mit ihrem geliebten Esmond "nur" bis Bilbao, und das nur für kurze Zeit. Die Chance, für die gute Sache zu sterben, nützt Esmond bei nächster Gelegenheit. 1941 meldet er sich zur Luftwaffe und wird im November desselben Jahres auf dem Rückflug von einem Bombeneinsatz über der Nordsee abgeschossen.

- © DuMont
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Eine andere der jungen Frauen, die zu dieser Zeit jenseits überkommener Rollenbilder sich buchstäblich ins Kampfgetümmel stürzten, war die aus Vermont stammende Virginia Cowles (Looking for Trouble. Bericht einer unerschrockenen Kriegsreporterin. Übersetzt von Monika Köpfer, DuMont Verlag, Köln 2022, 637 Seiten). Sie trifft 1937 in Spanien ein, um für Zeitungen und den Rundfunk über den Bürgerkrieg zu berichten, und zwar von beiden Seiten der Front (freilich in zwei getrennten Etappen). Bis 1940 treibt sie sich in Europa herum und schafft es, stets an der "richtigen" Stelle zu sein, wenn es brenzlig wird. Dass dieser 1941 zuerst erschienene Band sogleich großen Erfolg hatte, verwundert nicht. Mit ihrer scharfen Beobachtungsgabe, mit Witz, Selbstironie und großem stilistischem Können gelingt Cowles ein literarischer Streifzug durch den ersten Abschnitt des Weltkriegs, der ohne Pathos und Klischee auskommt und bis heute lebendig geblieben ist.