Der Wiener Selfmade-Ökonom, Globalisierungsgegner und Attac-Mitbegründer Christian Felber bei der Lit.Cologne. - © WZ Online / Gerald Schmickl
Der Wiener Selfmade-Ökonom, Globalisierungsgegner und Attac-Mitbegründer Christian Felber bei der Lit.Cologne. - © WZ Online / Gerald Schmickl

Der Dritte im Diskussionsbunde, der deutsche Philosoph und ehemalige Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin, sprach weniger über seine Gefühle oder etwaige Kundalini-Erfahrungen als über Nutzwert-Kalkulationen, die er in seinem Buch "Die Optimierungs-Falle" näher ausgeführt hat – und welche mit Felbers Entwurf, wonach jene Unternehmen, die sozial verantwortlich, ökologisch und solidarisch agieren, rechtliche Vorteile erhalten sollten, weitgehend übereinstimmen.  Wobei Nida-Rümelin, der in Statur, Auftritt und Stimmtönung eine Art Udo Jürgens der Philosophie darstellt, dabei im Vergleich zu Felber weniger wertend und ausschließend vorgehen möchte, sondern grundsätzlich alles erlauben wolle, aber "halt innerhalb von Regeln".

Denn die heutigen Exzesse an den Finanzmärkten verliefen weitgehend regellos – und belohnten, worauf wiederum Felber mit erhobenem Finger hinwies, ausschließlich egoistisches, unsolidarisches Verhalten und Gewinnstreben. Aber nicht über moralische Apelle alleine, und auch nicht über Verbote und Gebote, komme man zu einem anderen Modell des Wirtschaftens, sondern – so Felber und Nida-Rümelin weitgehend unisono – über einen Weg der Anreize, und über ein rechtlich gestütztes Regelwerk, das nicht – so wie jetzt – automatisch den Stärkeren belohne. Denn nicht extrinsische, also äußere Motivationen, wie das Streben nach Geld, Macht und Erfolg machten glücklich, sondern intrinsische, also innere Werte wie Kooperation, Glücksempfinden und Zufriedenheit.

Bei so viel letztlich doch moralischer "Apellatitis" und bisweilen auch Blauäugigkeit blieb es alleine dem Moderator (Jürgen Wiebicke) vorbehalten, Zweifel an diesem Glauben an das Gute, Wahre und Schöne des neuen Wirtschaftens anzumelden. "Das glaube ich Ihnen nicht!", fuhr er mehrmals dazwischen – und meinte zu Felber: "Sie wollen schlauer sein als die Leute!"
Aber es gehört zu dessen Tugenden (und ist somit Teil seines erfolgreichen Agierens), Angriffe sehr ruhig und gelassen entgegen zu nehmen – und so sachlich wie möglich argumentativ zu entkräften, Motto: Felber denkt selber.

Trotzdem weiß man bei dem auch als Tänzer Aktiven, rhetorisch wie körperlich enorm Geschmeidigen letztlich nie, ob es sich bei ihm um einen Visionär oder einen Visio-Narr handelt. Daher hätte bei dieser zur Einförmigkeit neigenden Diskussion ein ernsthafter Kontrapart gut getan – ein Denker wie etwa der Wiener Philosoph Rudolf Burger, der diesem allzu optimistischen Menschenbild und dem Streben nach ethischen Werten mit einer profunden, humanistisch gebildeten Skepsis begegnet wäre. Oder der österreichische Schriftsteller Michael Amon, der Felbers "Wirtschaftsmodell der Zukunft" kürzlich in einem "Presse"-Kommentar einer deftigen, bisweilen polemisch überschießenden Kritik unterzog.

Denn auch wenn man Amons Befund teilt, wonach Felber die Differenz zwischen Schreibtisch und Realität unterschätzt "und die Tatsache, dass ein Zuviel  an Gremien, die direktdemokratische Kontrolle brauchen, genau diese Kontrolle entgleitet", braucht man in ihm trotzdem nicht gleich einen Fürsprecher eines "extrem bürokratiegetränkten Sozialismus"  vermuten oder gar einen heraufdämmernden Diktator in der Nachfolge von Castro, Mao oder Chávez sehen. Aber das scheint – bei aller welthistorischen Mission  –  doch mehr eine innerösterreichische Diskussion zu sein, die also in Köln sowieso nichts verloren gehabt hätte.