Sinologie, Karate, Research und auch noch ein Roman: In Cornelia Travniceks Leben hat vieles Platz. - © WZ Online / Gerald Schmickl
Sinologie, Karate, Research und auch noch ein Roman: In Cornelia Travniceks Leben hat vieles Platz. - © WZ Online / Gerald Schmickl

An dem Beispiel von Cornelia Travnicek kann man recht gut ablesen, wie man sich als junge Autorin in der Literatur heutzutage in Szene setzt: Die 25-jährige gebürtige St. Pöltnerin ist, laut Eigendiagnose, "krankhaft süchtig nach dem geschriebenen Wort", hat schon früh Beiträge in Anthologien veröffentlicht, trat ab 2008 mit ersten Erzählungsbänden in Erscheinung, schreibt Blogs im Internet (etwa auf literaturcafe.de), twittert, arbeitet nach einem Informatikstudium halbtags als Researcher in einem Zentrum für Virtual Reality und Visualisierung, steht knapp vor Vollendung einer Masterarbeit als Sinologin, trägt Dreadlocks bis weit über die Schulter hinab, hat ein riesiges Tattoo am Rücken (und ein kleineres am Bauch), ist Buddhistin, lacht mädchenhaft verschmitzt, ist selbstbewusst und stupend klug. Und sie hat gerade ihren ersten Roman veröffentlicht, "Chucks", in der renommierten Deutschen Verlagsanstalt (DVA).

Um die Geschichte der knapp 20-jährigen Ex-Punkerin Mae, die sich – nach dem Tod ihres Bruders und dem Bruch mit ihrer Familie – auf Wiens Straßen herumtrieb, obdachlos war, sich schließlich in den Aids-kranken Paul verliebt und mit ihm ein neues Leben beginnt – um also diese Geschichte zu präsentieren, war Travnicek bei der Lit.Cologne. Und zwar im Rahmen einer so genannten "Patenschaft", bei welcher ein bekannter Autor eine Nachwuchshoffnung vorstellt: in diesem Fall war das der österreichische Schriftsteller Thomas Glavinic.

Travnicek und Glavinic – österreichischer könnten die Namen nicht sein! Sie Dreadlocks, er Glatze – ein nicht nur bezüglich Haartracht höchst kontroversielles Paar. Wie es zur ersten Begegnung der beiden kam, weiß Travnicek genauer und anders als Glavinic, der sich an einen Facebook-Kontakt zu erinnern glaubt. Nein, sagt sie, "ich war sauer auf sein Buch ‚Die Arbeit der Nacht’! Daraufhin habe ich ihn kontaktiert – und er hat mir klar gemacht, dass ich es falsch gelesen habe." Seitdem unterstützt der gebürtige Steirer die junge Niederösterreicherin, gibt ihr Tipps, die sie aber – laut Eigenauskunft – praktisch immer ignoriert.

Glavinic hätte gerne selbst einen Mentor gehabt, wie er bei der Veranstaltung im kleinen, feinen Comedia-Theater in Köln erzählt. Als Neunzehnjähriger hat er erste Manuskripte an zehn bekannte österreichische Autoren geschickt (u.a. an Peter Handke!), verbunden mit der Frage, wie man als Schriftsteller – richtig – denkt. Keiner hat geantwortet. Glavinic hat auch so seinen Weg gemacht. Obwohl in erster Linie als "Pate" und Förderer am Podium, las auch er einen kurzen Ausschnitt aus seinem jüngsten Buch, "Unterwegs im Namen des Herrn", dem kurios-sarkastischen Bericht einer Pilgerfahrt nach Medjugorje.

Er sei komplett religionsfern aufgewachsen, sagte er über seine Motivation für die geschilderte Busreise. "Meine Mutter hasste Katholiken. Jetzt wollte ich mir einmal anschauen, wie die wirklich sind!" Nach mehr als 48 Stunden gibt er auf. Die schlimmsten Stellen habe er gar nicht geschrieben, sagt er, denn er wollte die Leute nicht bloßstellen (was ihm aber trotzdem gelingt). Manche hätten Benzinkanister voll mit Lourdes-Wasser im Keller stehen, das sie bei Schnupfen als Heilquelle benutzen. "Und mit so jemandem soll man sich unterhalten!?" Ziemlich erschrocken und angewidert vom offenkundigen "Heil-Egoismus" im bosnischen Ort der Marienerscheinung, sei seine persönliche Gottessuche vorerst einmal sistiert und aufgeschoben. Glavinic ist nun bekennender "Pastafari" und glaubt an fliegende Spaghettimonster.

Da hat Travnicek schon eine gänzlich andere religiöse Sozialisation genossen. Sie war sogar Ministrantin -  und aufgrund der mutigen Widerborstigkeit eines Mesners vor allem bei Pfarrern und Bischöfen eingesetzt, die keine Mädchen wollten. "Ich bin hinter dem Bischof Krenn hergelaufen!" Hauptmotivation war allerdings, dass sie in ihrer Pfarre Geld dafür bekam, 50 Schilling pro Einsatz! Eine Summe, die Glavinic im Nachhinein noch bedauern lässt, nicht doch katholisch aufgewachsen zu sein . . .