Bei der Aufzeichnung einer Bücher-Radiosendung saß ich einmal neben dem Germanisten Wendelin Schmidt-Dengler (WSD). Als ich bei der Mikrophonprobe sagte, wie ich heiße und dass ich in Hütteldorf geboren sei, entfuhr dem Professor spontan die Bekundung: "Ich beneide Sie!"

Hütteldorf war für den 2008 verstorbenen Ordinarius der Wiener Germanistik ein Sehnsuchtsort  - speziell die Spielplätze des SK Rapid, also früher die sogenannte "Pfarrwiese", später das Hanappi-Stadion. Für den eingefleischten Fußball- und Rapidfan WSD, der selbst lange in Hütteldorf wohnte, waren das auratische Orte, aufgeladen nicht nur mit den Insignien seines Lieblingsvereins und dessen dortigem Wirken (und dieses, nämlich Rapids Spielergebnisse und Mannschaftsaufstellungen, konnte er quer durch die Jahrzehnte aus dem Gedächtnis aufsagen), sondern auch als "Geburtsort" für eines der wichtigsten Werke des 20. Jahrhunderts, nämlich Elias Canettis Studie "Masse und Macht". Denn der damalige 22-jährige Chemiestudent ließ sich 1927, wie er in dem Lebensgeschichteband "Die Fackel im Ohr" berichtet, von den Schreien vom Rapidplatz, die über den Wienfluss hinweg bis nach Hietzing an sein Ohr drangen, zu späteren Überlegungen zur "Doppelmasse" inspirieren.

Schmidt-Dengler kommt in dem nun herausgegebenen Sammelband mit seinen Fußballtexten unter dem Titel "Hamlet oder Happel" gleich mehrfach auf dieses Erweckungserlebnis des späteren Nobelpreisträgers zurück. Und vergisst auch nicht darauf hinzuweisen, dass noch eine Nobelpreisträgerin, nämlich Elfriede Jelinek, in Hörweite des Hanappi-Stadions wohnte, wenngleich auf der anderen Seite des Wientals. (Und als Autorin des "Sportstücks" hat auch sie sich, wie WSD anmerkt, "als Kennerin des Sports und im Besonderen des Fußballs erwiesen".)

Obwohl er seine lebenslange Bestimmung zum Rapid-Fan in der "Präexistenz, d.h. der Zeit, die vor dem Denken liegt" verortet, prägten Schmidt-Dengler, wie er in dem Text "Warum Rapid?" bekennt, die Niederlagen des Vereins mehr als die Siege: "Das 0:5 gegen die Vienna im Frühjahr 1955 – die Epiphanie Hans Buzeks bei den Blaugelben (. . .) verfolgt mich noch jetzt in den Träumen." Und die vielfach gebrauchte Wendung von "Rapid als Religion", zu welcher Konfession sich auch sein Sohn bereits als Achtjähriger bekannte, (ver)führte WSD zu einer interessanten Spekulation: "Wenn für die Jugend Rapid Religionsersatz sein kann, so ist denkbar, dass im Alter die Religion Rapidersatz wird."