Schade, dass wir ihn nicht mehr fragen können, ob sich bei ihm selbst Ansätze zu einem solchen Glaubenswechsel vollzogen haben . . .

Warum er sich, obwohl er schon früh mit dem Fußball-Virus infiziert war, dann doch ganz anderem, nämlich der akademischen Beschäftigung mit Literatur, gewidmet hat, erzählt Schmidt-Dengler in dem Text "Ankick – Fußball als Denk- und Schreibanlass". Er habe 1954, als Zwölfjähriger, die Aufstellung von Fußballmannschaften auswendig gelernt: "Als ich sie meinem Vater aufsagte, meinte er, ich sollte mir eher die Personen in Goethes ‚Goetz von Berlichingen’ merken, was ich denn auch prompt tat. So wurde ich Germanist und nicht Sportreporter."

Ein wenig Sportreporter wurde WSD dann aber doch noch, als er zehn Jahre lang, von 1998 bis 2008, große Fußballturniere  (drei Weltmeister- und eine Europameisterschaft) für den "Standard" kommentierte. Die dazu verfertigten Texte sind unter dem Titel "Spielverlagerungen" auch in dem Band enthalten – und zeigen WSD über die zeitgebundenen Anlässe hinaus als kundigen, wendigen und stets originellen Spiel- und Umfeldbetrachter. Er trumpft dabei gar nicht so sehr mit angelesenem Wissen auf – streut nur gelegentlich Kraus-, Werfel- oder "Tristram Shandy"-Zitate ein –, sondern erweist sich als kreativer Leser von Spielzügen und all dem Geschehen rund um die eigentliche Hauptsache. So, wenn er etwa die für den Sport gebräuchlichen Metaphern ("Von Anfang an in der Defensive gewesen", "Ins Abseits gelaufen" . . .) auf ihre Tauglichkeit zur Alltagsbeschreibung abklopft.

Dabei war WSD gar kein Freund des Intellektualisierens des Fußballsports – und betrachtete die zunehmend endemisch werdenden Ein- und Auslassungen von Geistes- und Kulturwissenschaftern dazu als meist überflüssiges Geschwätz. Allerdings zitiert er ausgerechnet einen Philosophen, und zwar Kurt Rudolf Fischer (einen Austria-Anhänger und ehemaligen Boxer), mit dem rigorosen Satz "Fußball sei Fußball (. . .) und solle nicht mit so etwas Nebensächlichem wie Philosophie und Literatur kontaminiert werden."

Daran hielt Schmidt-Dengler sich selbst nun aber gar nicht, weshalb seine Sottisen gegen philosophierende Fußballexperten auch als kleiner Abwehrreflex gegen unliebsame Konkurrenten gelesen werden können. Immerhin hatte er aber auch die bestechende Idee, die Verhältnisse einmal umzudrehen – und Sportexperten sich zu literarischen und sonstigen kulturhistorischen Themen äußern zu lassen: "Warten wir vergebens darauf, dass uns Heinz Prüller über das Zweite Vaticanum aufklärt und Herbert Prohaska den ,Mann ohne Eigenschaften’ erläutert?"
Ob der Germanist selbst mit der Herausgabe dieses Bandes restlos glücklich gewesen wäre, erscheint mir fraglich. Denn bei aller Brillanz und Gewitztheit zeigt sich darin doch auch ein starker Hang zur Redundanz. Es ist nicht nur die Canetti-Episode, die gleich mehrfach (ausführlich) vorkommt, sondern etwa auch die Wendung vom "glorious defeat", also der glücklichen Niederlage, und ihrer historischen Vorbilder Thermopylen, Amselfeld und Alamo, die mehrmals Erwähnung findet, so wie manch andere Vergleiche und Geschichten auch. Das ist dem Herausgeber, Helmut Neundlinger, natürlich nicht verborgen geblieben, weshalb er in einer "Editorischen Notiz" auch auf diese Wiederholungen hinweist, es aber für "unabdingbar" hält, "diese Texte in ihrer ursprünglichen Gestalt wiederzugeben".