Hurra! Mein erster Henry James! Es ist wie bei Stifter: Um diesen Schriftsteller drückt man sich ein halbes Leben lang herum, und hat man sich, spät im Jahr, um nicht zu sagen im Nachsommer des Lebens, endlich so weit gebracht, ist man dort sogleich zu Hause und fragt sich: Warum nicht früher? Freilich, früher hatte man anderes zu lesen (aus heutiger Sicht Unsinn: Martin Walser, Alfred Andersch und so), früher war man, mit Gombrowicz gesprochen, unreif.

Jetzt sind wir reif, und es ist Zeit. "Washington Square" also. In neuer Übersetzung, sozusagen taufrisch (übersetzt und mit einem Nachwort von Bettina Blumenberg, Manesse Verlag, Zürich 2014). Dem Manesse Verlag sei Dank, zum wiederholten Male, für seine Serie amerikanischer Klassiker. Hier erwartet einen, literatur-lese-mäßig gesprochen, das pure Glück.

Austin Sloper, ein erfolgreicher, also sehr, sehr reicher Arzt im New York der 1840er Jahre, früh verwitwet, hat eine einzige Tochter, Catherine. Sie enttäuscht durch Unauffälligkeit. Endlich interessiert sich doch ein junger Mann für sie, sehr klug, kultiviert, doch mittellos. Also ohne Zweifel ein Mitgiftjäger. Der Vater erkennt das in der Sekunde haarscharf. Und als die jungen Leute sich verloben, legt er sein Veto ein.

Damit ist eine romantische Tragödie angelegt - die dann nicht stattfindet. Es wird nur eine ganz gewöhnliche, furchtbare Enttäuschung, eine Geschichte aus dem Leben, wie man sagt. Aus dem Leben hat Henry James sie offenbar genommen, aber was er daraus macht, und wie er es macht! Das kann man kaum erzählen noch zitieren.

Die Ironie im Erzählen, wie Henry James sie anwendet, lässt sich aus diesem Erzählen kaum zu Demonstrationszwecken herausoperieren. Vielleicht diese Stelle: ". . . ich habe gedacht, dass du kein kleines Mädchen mehr bist - dass du das Alter der Besonnenheit erreicht hast. Ich fühle mich sehr alt - und sehr weise, entgegnete Catherine mit einem schwachen Lächeln. Ich fürchte, dass du dich schon bald noch älter und weiser fühlen wirst. Mir gefällt deine Verlobung nicht." Catherine ist 21, und ihr Leben, das noch sehr lange währen wird, hat in diesem Augenblick seinen Höhepunkt erreicht, auf den nichts mehr folgen wird als eine einzige, unerträglich in die Länge gezogene Depression. Der Leser allerdings erfährt nicht nur das Leid des Mitleidens mit dieser Heldin, sondern zugleich das große Glück, wie das alles in Literatur gegossen ist.

Ein Glück ganz anderer Art beschert die Lektüre eines kleinen Essay-Bandes (Charles Lamb: Eine Abhandlung über Schweinebraten, Essays. Ausgewählt, übers. u. Vorwort von Joachim Kalka. Berenberg Verlag, Berlin 2014). Um 1800 war Lamb eines der Häupter der romantischen Bewegung in England. Seine Freunde wie Samuel Taylor Coleridge schrieben Gedichte, er schrieb Essays, und hier erlebt man das Wunder, wie er mit dieser kleinen, zeit- und ortsgebundenen Form über alle verflossene Zeit zu uns spricht, uns amüsiert und rührt. Etwa am Anfang von "Arme Verwandte":

"Man kennt ihn an seinem Klopfen. Dein Herz sagt Dir: Das ist Mr.***. Ein Pochen zwischen Vertraulichkeit und Hochachtung, das Gastlichkeit zu fordern und gleichzeitig an solcher Forderung zu verzweifeln scheint. Er tritt ein, lächelnd und - verlegen. Er streckt die Hand aus, um die deine zu schütteln - und zieht sie zurück. Er kommt zufällig zur Essenszeit vorbei - wenn der Tisch vollbesetzt ist. Er macht sich erbötig, wieder zu gehen, da du ja Gesellschaft hast - doch man überredet ihn, zu bleiben . . ."

Walter Klier, geboren 1955, lebt als Schriftsteller und Maler in Innsbruck.