Die lebensnotwendige Beschränkung, die sich der Literaturfreund bei seiner Lektüre auferlegen muss, ergibt sich allein aus der Begrenztheit des eigenen Lebens einerseits, der Uferlosigkeit des Geschriebenen andererseits. Man orientiert sich notgedrungen an einem selbstgestrickten Kanon, folgt gewissen abstrusen, hausgemachten Regeln. So hielt ich mich nach der immer sehr brauchbaren Devise "Ich kann mich nicht um alles kümmern" zeitlebens etwa von der Literatur des arabischen Sprachraums fern. Nach einigen Kostproben hatte sich in mir das Klischee verfestigt, das Orientalische sei mir am Ende doch allzu - orientalisch.

Leicht ins Wanken kam das Klischee schon vor einiger Zeit, als ich begann, unserem Sohn die Märchen aus tausendundeiner Nacht vorzulesen. Ihm kann es beim Vorgelesenen nicht wild genug zugehen, und diese Vorliebe wurde von Ali Baba, Sindbad und Co. mehr als befriedigt. Grausamkeit und Willkür der Herrscher wie aller anderen Mitmenschen, Treulosigkeit, ja Heimtücke von allen Seiten, das Leben eine einzige Achterbahnfahrt, durchgestanden in dauernder Angst um selbiges, die ganze menschliche Existenz ein einziges Taumeln am Rande des Abgrunds - als derart existentialistisch und unbehaust hatte ich sie aus meiner eigenen Jugend nicht in Erinnerung.

Unsere Grimmschen wirken dagegen geradezu niedlich, idyllen- haft, in jedem Fall weniger welthaltig. Und als dann der Zürcher Dörlemann Verlag den Roman eines zeitgenössischen irakischen Autors ankündigte, dachte ich mir, das wäre vielleicht der richtige Zeitpunkt, um die Probe aufs Exempel zu machen. Schließlich habe ich noch kein schlechtes, nicht einmal ein mittelmäßiges Buch aus diesem Verlag gelesen.

Und in der Tat: In diesem um 1990 geschriebenen und nun ins Deutsche übersetzten Roman (Fadhil al-Azzawi: Der Letzte der Engel. Deutsch von Larissa Bender, Dörlemann, Zürich 2014) wird einem mit staunenswert leichter Hand, großer Ironie und selbstgewisser Poesie die wenig erbauliche neuere Geschichte des Nahen Ostens auf die Ebene eines Schelmenromans heruntergebrochen, mit einer großen Zahl von Schelmen, einer ebenso großen von Deppen und überhaupt einer unfassbar großen Zahl handelnder Personen, von denen wiederum eine unangenehm große Zahl ums Leben gebracht wird. Selbige machen im Verein mit ihren arabischen, turkmenischen, kurdischen und sonstigen Namen dieses Buch zu einer extrem unübersichtlichen Angelegenheit, zumindest für das westliche Publikum. Merkwürdigerweise kann etwa ein österreichischer Leser sich Namen wie Unterguggenbichler, Himmelfreundpointner, aber auch Zawadil oder Körmendi viel leichter merken als, nur zum Beispiel, Mullah Zain al-Abidin al-Qadiri - so heißt eine der Hauptfiguren des gegenständlichen Romans.

Was ich damit sagen will: Trotz relativ großer geografischer und kultureller Nähe zu diesem Raum, aus dem wir außerdem irgendwann im Mittelalter so ziemlich alles, was man unter Kultur versteht, übernommen haben, haben wir in Wirklichkeit in unserer großen Mehrzahl vom Nahen bis Mittleren Osten nicht den blassesten Tau. Ein der vielen Vorzüge dieses Buches besteht darin, dass sich der Autor überhaupt nicht darum schert, sondern die Buntheit seiner Erzählung durch eine Überfülle äußerst orts- und zeitspezifischer Details auspolstert. Und oh Wunder, den Leser stört es gar nicht, sondern er liest und liest das wie eine der schauerlichen 1001-Nacht-Geschichten, die als Basso continuo diesem Roman auch unterlegt sind.

Allerdings werden wir dazu angehalten, die Jahre nach 1945 in Kirkuk mitzuerleben, ungefähr bis der irakische König umgebracht wird und irgendwelche Obersten zu regieren beginnen. Den Rest kennen wir ja, man ist versucht zu sagen leider. Dass man einiges von dem, was uns von dort laufend aus den Medien erreicht, etwas besser versteht, auch dazu ist "Der Letzte der Engel" gut.

Walter Klier, geboren 1955, lebt als Schriftsteller und Maler in Innsbruck.