Manchmal erfährt man tatsächlich Neues, wenn man einen Essay liest - nicht bloß Meinungen, die man schon kennt und nicht so furchtbar interessant findet. Was wissen wir schon über die Basken, vor allem seit dort keine Bomben mehr geworfen werden? Sie haben eine eigene Sprache, richtig. Die außer ihnen selber niemand spricht, niemand versteht und die mit keiner anderen verwandt ist, so heißt es. Aber dass sie selber damit ziemliche Schwierigkeiten haben, weiß ich erst jetzt, von dem in Deutschland lebenden Basken Ibon Zubiaur (Ibon Zubiaur: Wie man Baske wird. Über die Erfindung einer exotischen Nation. Berenberg Verlag, Berlin 2015. 92 S.). Bis zum Ende der Franco-Zeit existierte das Baskische nur in gesprochener Form, in den hinteren Bergtälern. Der größte Teil der Basken waren gar keine solchen, sondern Nachfahren von Spaniern, die als Arbeiter in die Industriezone um Bilbao gekommen waren. Um 1980, mit der Autonomie, wurde es als Schriftsprache neu geboren, das heißt eigentlich erst hergestellt. Bisher waren da nur Dialekte, und für alles Neuere gab es gar keine Wörter, da man einfach die spanischen verwendete. In der Folge musste die ganze kleine Nation diese neue Sprache lernen: in der Schule. Daheim sprach man weiter Spanisch. Und so ist es auch geblieben. Diese Sprache lebt also weiterhin als vollkommenes Kunstprodukt im Unterricht und den Medien. Geht der Schüler nach Hause, redet er dort weiterhin Spanisch und schreibt es auch - wenn es ihm gelungen ist, das in einer Schule zu lernen, in der Spanisch gewissermaßen nur als Fremdsprache unterrichtet wird. Die Erfindung von Nationen, etwas, das in Europa mehrheitlich im 19. Jahrhundert stattfand - mit diesem Buch können wir es in der Jetztzeit beobachten.

Der als Reiseschriftsteller berühmte Brite Patrick Leigh Fermor hat in einem postum erschienenen Buch auch etwas Außergewöhnliches und vielleicht Lehrreiches mitzuteilen: nämlich wie man den General einer feindlichen Besatzungsmacht entführt und außer Landes schafft. Ihm ist das tatsächlich gelungen, nämlich 1944 in Kreta als britischer Verbindungsoffizier und Anführer einer griechischen Partisanenabteilung (Patrick Leigh Fermor: Die Entführung des Generals.Dörlemann Verlag, Zürich 2015, 304 S.). Er hat sich später, nach dem Krieg, übrigens mit dem General angefreundet, was am Ende einer nervenaufreibenden Lektüre eine versöhnliche Note in die Sache bringt.

Ich hoffe auf einen langen Lebensabend, damit ich endlich in Ruhe alle diese Viktorianer lesen kann, die eine solche Menge geschrieben haben, so viel Gutes, dass man in einem Leben als Rezensent von Neuigkeiten nie dazu kommt. Dank dem unermüdlichen Manesse Verlag ist gelegentlich ein solcher Viktorianer eine Neuigkeit, etwa Anthony Trollope, bekanntlich der Beste aus der damaligen B-Liga. "Er erinnert uns daran, dass Nüchternheit nicht philisterhaft sein muss", schreibt ein anderer wunderbarer B-Ligist, Max Beerbohm, über Trollope. Das zielt auf Dickens und seine überlebensgroßen Rührstücke. Trollope führt vor, dass es ein menschenkundiges und menschenfreundliches Schreiben auch ohne Sentimentalität geben kann. Als Probe aufs Exempel sei sein erster Roman empfohlen, damals ein Erfolgsbuch (Anthony Trollope: Septimus Harding, Spitalvorsteher.Roman, Manesse Verlag, 2015, 384 S.). Trollopes Figuren sind exakt lebensgroß, die spannende Handlung um ein schieres Nichts gebaut, und als Bonus gibt es eine Dickens-Vignette, in der dieser als der effizienteste Rührer der Nation sehr erheiternd vorgeführt wird.

Walter Klier, geboren 1955, lebt als Schriftsteller und Maler in Innsbruck.