Wie verhalten sich Rede und Aufgeschriebenes zueinander? 1896, im Alter von 53 Jahren, stellte sich bei Henry James aufgrund des jahrelangen unablässigen Schreibens ein stechender Schmerz im Handgelenk ein, wie sich dann herausstellte, eine Sehnenscheidenentzündung. Schließlich stellte James einen Sekretär ein, dem er nicht nur seine Briefe, sondern bald auch seine Erzählungen und Romane diktierte. "Vergib diesen Weg der Verständigung, sehr unansehnlich und künstlich. Es ist so weit gekommen, dass ich mich Dir nur durch einen dichten Schleier von Geräuschen zuwenden kann." (Hazel Hutchison: Henry James. Biografie.Übersetzt von Ute Astrid Rall. Parthas Verlag, Berlin 2015, 224 Seiten) Das Unbehagen legte sich bald, Freunde und Verleger dürften froh gewesen sein, nicht mehr James’ notorisch unleserliche Schrift entziffern zu müssen, und als Jahre später die große laute Remington kaputtging, hatte James sich so an deren Geklapper gewöhnt, dass er die neue, leisere Schreibmaschine ablehnte und eine identische Remington beschafft werden musste. Und der Stil des Meisters änderte sich, er wurde "gemächlicher, komplizierter, dialogorientierter, voller Abschweifungen und Erklärungen. Einige seiner Freunde behaupteten, dass sie beim Lesen von "What Maisie Knew" genau sagen könnten, bei welchem Kapitel James zum Diktat gewechselt habe, denn sie konnten im Text seine Sprechmuster erkennen. Viele moderne Leser finden James’ späteren Stil anstrengend, wenn sie ihm auf dem Papier begegnen, wird er aber laut von jemandem vorgelesen, der auf die Wendungen und Verwicklungen seiner Syntax achtet, wird er zum Leben erweckt, und man glaubt beinahe, die Stimme des präzisen, aber vergnügten, wissbegierigen Amerikaners mittleren Alters (zu hören)." Eine Nebenbemerkung zu den Momenten, wo man der Literatur ein wenig dabei zusehen kann, wie sie in die Welt kommt: Betrachtet man eine Manuskriptseite von Flaubert oder aber die schiere Wüstenei, die entsteht, wenn Henry James oder James Joyce anfangen, ihr Werk in den Druckfahnen nochmals zu korrigieren, kann man nur noch in Ehrfurcht vor der Kompetenz der damaligen Setzer und Korrektoren erschauern. Von Marcel Prousts erstem Band der "Suche nach der verlorenen Zeit" existieren ebenfalls noch Druckfahnen, aus denen hervorgeht, dass er das Buch, nachdem es gesetzt war, praktisch nochmals neu schrieb. Auch hier erschauert man über die Intensität, mit der so viel am scheinbar Abgeschlossenen noch in letzter Sekunde geändert wurde, hin auf das jetzt so unverrückbar und ewig Feststehende. "Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen": der berühmte Anfang ist vor lauter Durchstreichungen unleserlich. Und der Titel lautet um 5 vor 12 noch "Les Intermittences du Coeur" (etwa "Die Erinnerungen des Herzens"). Wenn man Franz Schuh einmal sprechen gehört hat, besser gesagt, dieses Gesamtkunstwerk aus Denken, Sprechen, Performance leibhaftig erlebt hat, kann man ihn besser lesen. Er verfertigt seine Gedanken nicht unbedingt im Reden, aber als Rede, und wenn man sich ihn vortragend vorstellt, so lässt sich das scheinbar Verwickelte ganz gut im eigenen Geist wieder entwickeln. Das "Verkomplizierte", wie Schuh es nennt, liegt in der Sache, deren "Vielfalt sich nicht auf einem Fundament einfangen lässt" (Franz Schuh: Über ‚Kulturpublizistik. Vier Vorlesungen. Sonderzahl Verlag, Wien 2015, 120 S.). In diesem Bändchen werden Schuhs Wiener Vorlesungen von 1987, erweitert um ein Interview der "Wiener Zeitung" von 2013 (geführt von Franz Zauner und Gerald Schmickl), zugänglich gemacht. In einer Vorbemerkung ist das oben Skizzierte vom Autor selber umrissen: "Eine transkribierte Freiheit ist immer problematisch, vielleicht erinnert sie bloß den Autor an den Glanz jener Augenblicke, in denen er erst formulieren musste, was jetzt feststeht."