Geballte "Macht" in Gelb: Karen Duves neuer Roman sorgt für Aufregung. - © Schmickl
Geballte "Macht" in Gelb: Karen Duves neuer Roman sorgt für Aufregung. - © Schmickl


So utopisch oder dystopisch, jedenfalls weit hergeholt, scheint Karen Duves neuer Roman gar nicht zu sein. Darin sitzt Olaf Scholz, der nunmehrige Bürgermeister von Hamburg, einer Regierung aus lauter Frauen vor. Erst gestern, in einer deutschen TV-Talkshow, war - nach dem SPD-Debakel vom Wochenende - davon die Rede, dass Olaf Scholz nun der wahrscheinlichste Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten bei den nächsten Bundestagswahlen sei. Also bitte.
Und was ist 2031, in welchem Jahr "Macht" (Galiani Verlag) spielt, eigentlich aus Angela Merkel geworden? Die ist - nach zwei weiteren Legislaturperioden - "wieder in die Physik zurückgekehrt", sagt Karen Duve bei ihrer Lesung im ehemaligen Millowitsch-Theater in Köln.
Schon weiter hergeholt ist die Verjüngungspille "Ephebo", die zu besagter Zeit - in der nach einem Klimakollaps große Hitze und generelle Weltuntergangsstimmung herrscht - bedenkenlos eingenommen wird, trotz Krebsgefahr, und die aus Mittfünfzigern zumindest äußerlich wieder Zwanzig- bis Dreißigjährige macht. Sehr viel Phantasie habe sie, sagt Duve, bei der Kreation dieser künftigen Zeiten nicht aufbringen müssen, schon gar nicht, was technologische Neuerungen anbelangt: "Da habe ich mich von 50er-Jahre-Science-Fiction-Vorstellungen leiten lassen, etwa von Hologrammen."
Darauf kommt es der gebürtigen Hamburger Autorin auch nicht an - ihr geht es, wie der Titel unschwer klarmacht, um Machtverhältnisse, vor allem zwischen den Geschlechtern. Da haben sich die Verhältnisse im Roman umgekehrt: Die Frauen sind nun, vom Bundeskanzler einmal abgesehen, an der Macht - und in deren Ausübung keineswegs zimperlich. Für den ehemaligen Öko-Aktivisten Sebastian Bürger, der in dem Roman als Ich-Erzähler fungiert, geht das zu weit, sodass er privat die Verhältnisse wiederum umdreht, und zwar radikal: Er hält seine Frau Christine, die ehemalige Ministerin für Umweltschutz und Atommüllentsorgung, im Keller fest, an einem Halsband. Sie darf dort seine Lieblingskekse backen, ihm auch gelegentlich sexuell zur Verfügung stehen - nur eines darf sie nicht: ihm Vorwürfe machen. Dann muss er sie zurechtweisen, auf durchaus spürbare Art.
Karen Duve ist - nach bereits heftigen Reaktionen auf ihren Roman (der u.a. die Literaturkritik vollständig polarisiert) - vorsichtig genug, nur relativ harmlose sadistische Passagen aus dem Roman vorzulesen. Es bleibt dann dem Moderator, unserem wackeren Günter Kaindlstorfer, vorbehalten, darauf hinzuweisen, dass es noch viel brutalere Szenen in dem Buch gibt, bei denen es ihm "körperlich wirklich schlecht gegangen" sei. Duve meint dazu nur lapidar, dass der Roman natürlich nicht behaglich sein solle, und dass wahre Kunst eben auch weh tun müsse, sonst sei es Kunsthandwerk. Na ja.
Ansonsten erweist sie sich im Gespräch mit dem österreichischen Radiojournalisten (und Programmdirektor der "Buch Wien") aber als wenig polemisch oder kämpferisch, sondern vielmehr als klug abwägend, common-sense-geerdet und offenherzig. So sei es ihr etwa gar nicht schwergefallen, in Sebastian hineinzuschlüpfen, dessen Ton sie "rasch draufgehabt" habe. Der Mann, der allmählich seines ganzen Wertegefüges verlustig gegangen sei und sich nun einfach alles herausnehme, sei zwar knapp am Psychopathen dran, extremistisch, egoistisch, aber auch noch in Ansätzen empathisch. Er sei in dem einen Jahr, in dem sie an dem Buch geschrieben habe, zu einer Art von  "Lebensabschnittsgefährten" für sie geworden, so Duve lakonisch edeltrocken.

Um sich in das Abhängigkeitsverhältnis einzulesen, habe sie sich ein Ausbildungsbuch für Dominas besorgt, daraus aber wenig brauchbare Erkenntnisse gewonnen: "Da waren Management-Sprech-Trainings schon viel ergiebiger." Der Umgang in der heutigen Finanzwelt, so habe sie erkannt, lehre einen mehr über Demütigung und die Lust, Macht auszuüben. Das wird sich wohl auch in Zukunft so rasch nicht ändern.