Cartoon: Helmut Pokornig
Cartoon: Helmut Pokornig

Nicht nur im "LitBlog" dieser Zeitung wurde jüngst beredt die erschlagende Dicke vieler Roman-Neuerscheinungen beklagt. Wer soll das alles bitteschön lesen? Diese Frage, die bisher angesichts der Fülle an Novitäten nur allzu naheliegend erschien, gilt nun auch dem einzelnen Werk: Geht’s nicht auch zwei Nummern kleiner resp. 400 Seiten kürzer? Leider offenbar nicht, wie der heurige Preis der Leipziger Buchmesse gezeigt hat. Ausgezeichnet wurde, natürlich, der dickste Wälzer, nämlich Guntram Vespers Tausendseiter "Frohburg". Das ist insofern besonders pikant, als der gleiche Autor vor 30 Jahren ein schmales Gedichtbändchen gleichen Titels vorgelegt hat. Damals, 1985, wurde er im Übrigen gleich mit zwei Preisen geehrt. Man sieht: Auch die kurze Form kann lohnend sein.

Nicht lohnend war sie leider für Marion Poschmann, die auch Romane schreibt, aber heuer in Leipzig mit dem Gedichtband "Geliehene Landschaften" (Suhrkamp, 2016) nominiert war. Der Titel bezeichnet ein althergebrachtes Stilelement der ostasiatischen Gartenkunst: Bei der Anlage eines Gartens oder Parks werden auch Landschaftselemente außerhalb davon (etwa ein Berg) in die Gestaltung einbezogen. Poschmanns insgesamt neun lyrische Gärten, die aus jeweils neun Gedichten bestehen, weiten sich ebenfalls sehr schön ins Dahinterliegende und Jenseitige.

Ob in Japan, Kaliningrad, Finnland oder Berlin: Die "Sprachparks", die hier entstehen, sind paradiesische poetische Landschaften, voller Zauber, voller Rätsel, voller Assoziationen, von der Dichterin im Zaum gehalten und doch auch wild wuchernd. "Du erschaffst die Stimmung von Bambuslaub, / ein enthusiastisches Zittern im Nichts."

Für Poschmann ist Dichtkunst "Betrachtungskunst" oder genauer, mit dem Titel ihres Essaybandes gesprochen, "Mondbetrachtung in mondloser Nacht" (Suhrkamp, 2016). Die Gedichtlektüre erlaubt nur dann Erkenntnis, wenn man den Verstand, das Verstehenwollen hinter sich lässt und sich der Imagination, der Sinnvielfalt anvertraut. Das mag manchmal ein wenig anstrengend sein, wird aber, wenn man sich darauf einlässt, mit ästhetischen Erlebnissen besonderer Art belohnt.

Das gilt auch für die Gedichte Jan Wagners, der 2015 überraschend mit dem Preis in Leipzig ausgezeichnet wurde und seither als eine Art Anführer einer Lyrikrenaissance gilt. Wie stilsicher er von Anfang an seine Verse setzte und wie sich sein Werk zu immer größerer Sprachsouveränität entwickelte, zeigt der Best-of-Band "Selbstporträt mit Bienenschwarm" (Hanser Berlin, 2016). Er enthält ausgewählte Gedichte aus 15 Jahren: viele Naturgedichte, viele Dinggedichte, viele Ortsgedichte mit historischen Tiefenbohrungen.

Und ein paar ganz leichte, ganz unbeschwerte Nebenbeigedichte, etwa eines über "drei busfahrer" oder dieses über "gaststuben in der provinz": "hinter dem tresen gegenüber der tür / das eingerahmte foto der fußballmannschaft: / lächelnde helden, die sich die rostenden nägel / im rücken ihrer trikots nicht anmerken lassen."

Jan Wagner hält es mit Paul Valéry und dessen Diktum, wonach man ein Gedicht nicht beende, sondern höchstens aufgebe. Das heißt nicht, dass uns hier lauter unvollendete Produkte serviert werden, sondern dass es für einen Dichter "immer nur dieses eine, noch zu schreibende Gedicht" gibt. Auch die 1983 geborene Anja Kampmann schreibt, so scheint es, sorgsam, skrupulös, fernab aller Hektik. "Proben von Stein und Licht" heißt ihr Debüt (Edition Lyrik Kabinett bei Hanser, 2016), und glaubt man dem Wikipedia-Eintrag zu ihrer Person, dann hat sie schon reichlich Preise und Stipendien bekommen (unter anderem ein "Waldstipendium Österreichische Bundesforste"), ohne überhaupt ein Buch veröffentlicht zu haben.

Den Geldgebern darf man sagen: Es war eine gute Investition, denn diese Natur- oder besser Landschaftslyrik, die nicht nur in die Weite, sondern auch in die Tiefe schweift, hat etwas ganz fein Seismographisches an sich. Keine große Pose, keine wuchtigen Metaphern, vielmehr wirken diese Verse wie auf Zehenspitzen oder morgens um fünf auf dem Hochsitz geschrieben. "glace" heißt eines, und genau so fühlt sich diese Lyrik an, als wäre sie von einer ganz feinen Eisschicht überzogen - einem Eis freilich, aus dem sich Jahrtausende Erdgeschichte ablesen lassen:

"wir lernen das erinnern und die zeiten / zu suchen im eis partikel und schichten / diese sprachen als hätten sie das zueinander / nie verlernt in ihren blauen häusern / halten sie den ersten morgen fest".

Man muss also gar keine dicken Bücher lesen, um tief in die Zeiten einzutauchen.