Theodor Fontane, 1883 gemalt von Carl Breitbach. - © zeno.org/wikimedia commons
Theodor Fontane, 1883 gemalt von Carl Breitbach. - © zeno.org/wikimedia commons

Im Frühjahr 1891, also vor 125 Jahren, hat Theodor Fontane seinen kleinen Roman "Frau Jenny Treibel" geschrieben. Er gehört zu den Büchern des Kanons, die in der Schule und im Literaturseminar so zerlesen worden sind, dass ihre Aussage klar zu sein scheint und durch immer monströsere Steigerungen bekräftigt wird.

Kurz in Erinnerung gerufen: Die Krämerstochter Jenny verliebt sich in einen Studenten der Philologie. Doch als er mit dem Studium fertig ist, hat sie sich einen Fabrikanten geangelt und ist damit ins Bürgertum aufgestiegen. Der intellektuelle Gymnasiallehrer hat das Nachsehen, arrangiert sich anderweitig, hält aber die Verbindung zu den Treibels aufrecht. Die Frau Kommerzienrat hat sich einen Sinn für das Höhere, das tief Empfundene, das wertvoller sei als alles Materielle, bewahrt und trumpft bei ihren Diners mit dem Vortrag eines gefühlvollen Liedes auf, das ihr einst der verliebte Student geschrieben hat. Als jedoch ihr jüngerer Sohn sich ohne ihr Wissen mit der Tochter des Lehrers verlobt und also genau das praktiziert, was seine Mutter als Wert vorgibt: der Liebe und nicht des Geldes wegen zu heiraten, braust sie auf und zerstört das Projekt, indem sie ihrem Sohn eine reiche Partie aufdrängt, die sie vorher ausgeschlossen hatte.

Das ist ein Fressen für die Interpreten: Lippenbekenntnisse halten materiellen Interessen nicht stand. Fontane hat eine Sa-tire auf das gewinnmaximierende Bürgertum geschrieben, dem das Geld der höchste Wert ist. Im Netz kursierende Lehrbehelfe für Schule und Proseminar beschreiben Jenny Treibel als "unsympathisch".

Einer der führenden Fontane-Spezialisten unserer Tage fällt das Urteil: "Was Fontane an ihr vorführt, ist ein Musterstück literarischer Ideologiekritik". Und weiter: "Sicher ist, dass sie zu jenen gehört, die statt eines Herzens nur Bourgeois-Egoismus und ‚Geldsackgesinnung‘ haben."

Hier beginnen sich leise Zweifel zu regen. Wollte Fontane eine so negative Figur zeigen, wäre ihm das nicht zu platt vorgekommen? Im Text beschreibt er sie ironisch, aber nicht als Ungeheuer. Der Lehrer spricht bis zum Schluss von seiner "lieben Freundin Jenny".

Vielleicht hilft der Untertitel des Romans weiter: "oder ‚Wo sich Herz zu Herzen find’t’". Er sollte auf die beiden Paare zutreffen, die sich zum Schluss finden, tut es aber nicht: die Lehrerstochter heiratet ihren Cousin, eine kameradschaftliche Zweckgemeinschaft. Der Sohn der Frau Kommerzienrat wird zu einer Geldheirat verdonnert. Beide Male findet sich nicht Herz zu Herz. Im engsten Familienkreis Fontanes wird der Untertitel als unstimmig beurteilt. Aber der Autor scheint Frau und Tochter überzeugt zu haben. Auf welche Weise?