Der sehr dünne Romane entspricht eigentlich dem, was man früher bei uns eine Novelle nannte - oder einfach eine Erzählung. Es ist eine Kurzgeschichte, die nicht recht kurz bleiben wollte, weil es - vielleicht sogar gegen die ursprünglichen Absichten des Verfassers - doch um einiges mehr zu erzählen oder atmosphärisch auszumalen gab, bis das Bild so stimmte.

Das, was man einst über die Novelle lernte, das mit der außergewöhnlichen Begebenheit und/oder der überraschenden Wendung, das stimmt schon immer noch, ebenso, dass - wenn’s einer kann - sich trotz der Kürze ein Roman-Gefühl einstellt: Wir finden uns in einem besonderen, von der realen Welt abgesonderten Universum wieder, das uns wiederum von dieser Welt ein ganz eigenes Bild gibt.

Dass sich ein bisher unauffälliger Mitteleuropäer über Nacht in einen Käfer verwandeln kann, wissen wir Leser seit Franz Kafka, und wir halten solche Erzählideen auch für dessen Alleinstellungsmerkmal. Selbst wenn irgendein anderer Schriftsteller eine ähnliche Idee gehabt haben sollte, so wird es doch keinem gelingen, sie in diesem mehr als witzigen, nämlich kindlich ernsten Tonfall zu erzählen. Mit einer Ausnahme: 1922 erschien in England ein Roman, worin etwas verblüffend Ähnliches unternommen wird. Eine frisch verheiratete Frau verwandelt sich unter den Augen ihres Gatten in eine Füchsin. Das erschien dem Rezensenten zunächst doch übertrieben, irgendwie weit hergeholt, fast läppisch, "Soll ich das lesen?, Muss ich das lesen?", eines Abends las er dennoch, und das Diktum des seligen Reich-Ranicki bewahrheitete sich erneut: In der Literatur kann man alles, wenn man es kann. Im Übrigen ist der junge Mann zu seiner ihm wundersam entfremdeten und bedauerlicherweise immer fremder werdenden Gattin viel netter als die Familie Samsa zu ihrem Käfer. (David Garnett: Dame zu Fuchs.Roman. Deutsch von Maria Hummitzsch. Dörlemann Verlag, Zürich 2016, 155 Seiten.)

Aus der neuen argentinischen Literatur erreicht uns ein besonders dünner Roman, der auf seinen knapp über hundert Seiten so etwas wie die Quintessenz alles Argentinischen darbietet (Selva Almada: Sengender Wind.Roman. Deutsch von Christian Hansen. Berenberg Verlag, Berlin 2016, 124 Seiten). Diese Quintessenz schaut ungefähr so aus: "Hinter der alten Zapfsäule stand ein unverputzter Backsteinklotz mit einer Tür und einem Fenster. Nach vorn raus, an der Ecke, standen im Schatten eines mit Schilf und Zweigen gedeckten Vordachs ein kleiner Tisch, ein Stapel Plastikstühle und der Getränkeautomat. Unter dem Tisch schlief auf der nackten Erde ein Hund, der, als er sie herankommen hörte, ein gelbes Auge öffnete und ohne sich ansonsten zu rühren mit dem Schwanz den Boden wischte."

Tankstelle, Reparaturwerkstatt, Schrottplatz und rundherum nichts als Nichts, also Pampa und danach nochmals Pampa. Unerträgliche Sonnenhitze und am Abend dann ein höllisches Unwetter. Und ein Psycho-Drama-Kammerspiel zwischen dem Mechaniker und seinem Sohn und dem wegen Motorschadens da gestrandeten evangelikalen Prediger und seiner Tochter. Aus dieser scheinbar, nur scheinbar!, gar zu holzschnittartigen Versuchsanordnung zaubert die Autorin eine sehr subtile, sehr berührende Geschichte über Jungsein und Altwerden, Liebe und Einsamkeit, Glauben und Unglauben (oder verschiedene Arten zu glauben), und schließlich und endlich über dieses kuriose Land Argentinien, eine Art schiefgegangenes Europa, vor der Zeit vergreist und vor die Hunde gegangen, mit wenig Vergangenheit und ungewisser Zukunft.

Außergewöhnlich kurz geraten ist Virginia Woolfs Lebensbeschreibung des ersten und berühmtesten aller Dandys. Der ursprünglich 1929 als Beitrag fürs Radio geschriebene Text liegt nun als sehr kleines Buch vor (Virginia Woolf: Beau Brummel.Übers. von Tanja Handels, Steidl Verlag, Göttingen 2015, 35 Seiten). Überzeugen Sie sich selbst: eine wunderbare Miniatur von Roman, federleicht und inhaltsvoll, vielleicht das Beste, was Virginia Woolf geschrieben hat.

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