Sind hierorts Häuser grün, tret ich noch in ein Haus.

Sind hier die Brücken heil, geh ich auf gutem Grund.

Ist Liebesmüh in alle Zeit verloren, verlier ich sie hier gern.

Bin ich’s nicht, ist es einer, der ist so gut wie ich.

Grenzt hier ein Wort an mich, so laß ich’s grenzen.

Liegt Böhmen noch am Meer, glaub ich den Meeren wieder.

Und glaub ich noch ans Meer, so hoffe ich auf Land.

Bin ich’s, so ist’s ein jeder, der ist soviel wie ich.

Ich will nichts mehr für mich. Ich will zugrunde gehn.

Zugrund - das heißt zum Meer, dort find ich Böhmen wieder.

Zugrund gerichtet, wach ich ruhig auf.

Von Grund auf weiß ich jetzt, und ich bin unverloren.

So beginnt "Böhmen liegt am Meer", eines der berühmtesten Gedichte von Ingeborg Bachmann. Entstanden und erschienen ist es 1964. Bachmann spricht in diesem Gedicht - wie in allen ihren Werken - aus einer verzweifelten Stimmung heraus, unfähig, die Atmosphäre der Nachkriegsjahre zu ertragen, den Schein, der so verbissen gewahrt werden soll, die Lügen, die mühsam aufrecht erhalten werden. Österreich, das erste Opfer von Nazideutschland! - und die großen Männer nicken andächtig mit dem Kopf. Und je mehr sie nicken, desto inbrünstiger schüttelt Ingeborg Bachmann ihren Kopf. Bachmann und ihre Schriftstellerkollegen der 50er und 60er Jahre kämpfen unermüdlich gegen diese Lüge an, mit nichts als der Sprache.

Vor diesem Hintergrund ist dieses Gedicht ursprünglich zu lesen. Böhmen, das ja geographisch gesehen eben nicht am Meer liegt, zeigt sich dabei als utopischer Idealzustand, den es anzustreben gilt: Böhmen am Meer, das bedeutet Hoffnung: "sind hierorts Häuser grün, Brücken heil". Zurückgegriffen hat Bachmann dabei auf Shakespeares "The Winter’s Tale", in dem Böhmen ebenfalls ans Meer verlegt wurde. Es ist die sogenannte Richtungsutopie, die Bachmann immer wieder in ihre Werke einbringt, jene Werke, die so stark durch die Diskrepanz zwischen Hoffnung und Ernüchterung geprägt sind.

So erscheint Böhmen bei Bachmann als Ort des Glücks, der wohl nie erreicht werden kann, aber dennoch angestrebt werden muss. Denn allein durch den Versuch, etwas Unerreichbares zu erreichen, reift man, so die Schriftstellerin.

Neben der Hoffnung schimmert aber auch die typisch Bachmannsche Tristesse durch: "Ich will nichts mehr für mich, ich will zugrunde gehen." Um aber gleich darauf hinzuzufügen: "Zugrund - das heißt zum Meer, dort find ich Böhmen wieder."