Robinson Crusoe, Abbildung aus der tschechischen Ausgabe von 1894. - © Public domain, Walter Paget, scanned by jkb
Robinson Crusoe, Abbildung aus der tschechischen Ausgabe von 1894. - © Public domain, Walter Paget, scanned by jkb

Es wird nicht überraschen, dass ich als Schüler "Robinson Crusoe" gelesen habe. Als ich kürzlich in meinen Bücherregalen stöberte, fiel mein Blick beiläufig auf das Buch, welches ich in den vergangenen Jahrzehnten allenfalls bei Übersiedlungen kurz in der Hand gehabt hatte. Ich griff nach dem Band, dessen genauerer Titel ("Die seltsamen und erstaunlichen Abenteuer des Robinson Crusoe") mir nicht mehr geläufig war, und dachte, es wäre reizvoll, dieses nach so langer Zeit einmal wieder zu lesen. Wie würde ich es heute aufnehmen? Was blieb in Erinnerung, was wurde eben durch die Erinnerung vielleicht auch verzerrt? Ich habe die Lektüre jedenfalls nicht bereut.

Nun, die Geschichte ist in Grundzügen allgemein bekannt: Der englische Kaufmannssohn Robinson Crusoe, der gegen den Willen seines Vaters zur See fährt, hat schon manche gefährliche Abenteuer glücklich überstanden, als er - nunmehr als Besitzer einer Zuckerplantage in Brasilien - als Einziger eine Schiffskatastrophe überlebt und auf eine einsame Karibik-Insel verschlagen wird. Nach dem ersten Schrecken, einer "entsetzlich trostlosen Stimmung" und einer auf einem Baum zugebrachten Nacht beginnt er sich auf der Insel einzurichten.

Dabei erweisen sich diverse Gegenstände, die er vom Schiff herbeischaffen kann, als sehr nützlich. Robinson baut sich eine Festung (später gar ein Sommerhaus), macht Jagd auf Tiere, baut Getreide an und züchtet Ziegen. Eines Tages findet er einen menschlichen Fußabdruck und stößt auf Überreste einer Kannibalen-Mahlzeit, was ihn gehörig irritiert. In seinem fünfundzwanzigsten Inseljahr rettet Robinson einen Wilden vor Kannibalen. Er nennt ihn Freitag. "Der Wilde war ein schöner, schlanker, gutgewachsener junger Mann von etwa 26 Jahren" - und wird sein treuer Gefährte und Schüler.

Robinson verbringt fast 27 Jahre auf der Insel, ehe er sie mit seinem Freitag, freilich wieder unter abenteuerlichen Umständen, verlassen kann. Nach England kehrt erst nach insgesamt 35 Jahren zurück. Schließlich packt ihn erneut die Reiselust. Er fährt wieder nach Brasilien, um nach seiner inzwischen verkauften Zuckerplantage zu sehen. Bei dieser Reise findet Freitag den Tod, er stirbt im Pfeilregen von Kannibalen (dieser traurige Ausgang der Geschichte war aus meiner Erinnerung verschwunden).

Der 1660 in London geborene und ebendort 1731 verstorbene Journalist, Satiriker und Romancier Daniel Defoe - er versuchte sich auch, wenig erfolgreich, als Kaufmann - veröffentlichte seinen "Robinson Crusoe" 1719. Da war er längst kein Unbekannter. Als Journalist verfasste er kritische politische Artikel (auch Flugschriften), weswegen er verfolgt und zweimal an den Pranger gestellt wurde. Er war ein Unbequemer, ein Vorkämpfer für die Pressefreiheit. Aber dieser an sich bereits bemerkenswerte Umstand verblasst vor dem Hintergrund der Erfolgsgeschichte des "Robinson Crusoe", der nicht nur Figur geblieben, sondern längst zur Metapher geworden ist. Angeblich hat Defoe mit dem Roman kaum etwas verdient, hat sich damit aber gewiss unsterblich gemacht. Allein in deutscher Übersetzung (die erste erschien bereits 1720) existieren unzählige Ausgaben des Werkes, auch Versionen für Kinder. Das Buch wurde mehrmals verfilmt und diente oft als Filmvorlage.

Was macht den Reiz dieses Romans aus? Defoe hat seinen Protagonisten als Ich-Erzähler sehr authentisch angelegt. Das Buch liest sich weniger als Roman denn als Bericht, der in allen Einzelheiten sehr gut nachvollziehbar ist. Da rettet sich jemand aufgrund eines real möglichen Unglücksfalls auf eine ihm unbekannte Insel und kämpft um sein Überleben. Es gelingt ihm dank unzähliger Anstrengungen, und das Eiland wird ihm zur "vielgeliebten Insel".

Man kann hier manche philosophische respektive existenzialistische Bezüge herstellen (Kontingenzerfahrung, Einsamkeit des Individuums, Kampf ums eigene Dasein), man kann das Buch aber auch einfach als spannende Geschichte lesen. Es ist mehr als "nur" Jugendliteratur, obwohl das allein seinen Wert ja nicht schmälern würde.

Franz M. Wuketits, geboren 1955, lehrt Wissenschaftstheorie, Schwerpunkt Biowissenschaften, an der Universität Wien.

wiedergelesen