Gut gelaunter Nachlass: Das Buch des Ende August verstorbenen Pieter Steinz.
Gut gelaunter Nachlass: Das Buch des Ende August verstorbenen Pieter Steinz.

Das Lesen von Romanen ist bekanntlich eine Sucht, allerdings eine nicht sehr ungesunde. Einst von den Pädagogen als ebenso brandgefährlich eingestuft wie später der Film, dann das Fernsehen und heute das Internet, fristet es inzwischen eine geduldete Nischenexistenz. Die erwähnten Pädagogen, immer das Wohl der Menschheit im Blick, propagieren sogar "das Lesen" ganz im Allgemeinen, so als sei es am Ende egal, was man liest. Das ist freilich grober Unfug. Man liest für sich, nicht für die Menschheit.

",Das Erzählen muss eine Funktion haben [. . .], das ist verdammt schwierig, aber es geht‘", heißt es in Band vier jenes holländischen Riesenromans, einem Erzählwerk mit hohem Suchtpotenzial, von dem an dieser Stelle schon die Rede war und dessen fünften Band (von insgesamt sieben) ich schon sehnlich erwarte (J. S. Voskuil: Das Büro, Bd. 4: Das A. P. Beerta-Institut. Übers. von Gerd Busse, Verbrecher Verlag, Berlin 2016, 1072 S.). Neben vielen anderen Dingen, die daran zu rühmen sind, sei die Art und Weise hervorgehoben, wie hier vom Leben des Angestellten in unserer modernen Zeit erzählt wird.

Das Drama des begabten Angestellten liegt in oder ergibt sich aus folgendem Umstand: Vom Angestellten kann niemand verlangen, die Leidenschaft des Chefs für die Sache der Firma zu teilen. Er hat sein gutes Recht auf das Obezahren, jedenfalls auf Dienst nach Vorschrift. Und genau daraus resultiert dann das erhebliche Sinndefizit, die Leere seines Berufslebens.

Die großartige Komik von Voskuils "Büro" ergibt sich unter anderem daraus, diese in vielen Angestellten-Romanen unserer Zeit angesprochene Tatsache am verkehrten Objekt zu exemplifizieren. Denn das Büro arbeitet nicht um der Geschäfte willen, sondern ist Teil eines Instituts für Volkskunde, es befasst sich also mit dem Weihnachtsbaum, dem Pflug oder der Wand des Bauernhauses in den Niederlanden. Unser Held, Maarten Koning, Leiter der Abteilung Volkskultur, steht sozusagen naturhaft auf verlorenem Posten bei den Versuchen, seinen lahmen Haufen etwas in Schwung zu bringen, schon wegen seines ehernen Grundsatzes: "Wer hier arbeitet, wird nicht entlassen." Wie er, so ganz en passant, begreift, dass seine eigene, wahre und große Volkskunde das Schreiben des Romans wird, den man gerade liest, und damit aus seinem von ihm selber als sinnlos eingestuften Tun Sinn gewinnt, das ist von einer Marcel Proust vergleichbaren erzählerischen List - und Größe.

Aus dem Holländischen kommen auch sonst bemerkenswerte Bücher. Da gibt es etwa eine als solche deklarierte Novelle, die in aller Kürze, sehr lustig und zugleich sehr traurig vorführt, wie seltsam unser heutiger Begriff von Kunst eigentlich ist und wie bescheuert das bunte Treiben, das auf diesem Begriff basiert, der sogenannte Kulturbetrieb (Joost Zwagerman: Duell. Novelle. Übers. von Gregor Seferens. Weidle Verlag, Bonn 2016, 156 S.). Dass darin ein Museumsdirektor mit einem Faustschlag das 30 Millionen Euro teure Bild "Untitled No. 18, 1962" von Mark Rothko ruiniert, steht schon im Klappentext, man kann es also verraten. Wie Zwagerman uns auf diesen Eklat hinführt und was daraus wird, das nachzuerzählen bräuchte man fast so viel Platz wie der Autor selbst.

Bei dem in den Niederlanden bekannten und beliebten Journalisten und Bücher-Zampano Pieter Steinz wurde 2013 die seltene Nervenkrankheit ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) festgestellt, bei der nach und nach die Nervenzellen absterben, die die Muskeln versorgen, und die zur Lähmung und schließlich zum Tod führt. Das ist, im Alter von 49, oder in jedem Alter, eine ziemlich niederschmetternde Diagnose.

Pieter Steinz ließ sich aber gerade nicht niederschmettern, sondern begann vielmehr eine Reihe von Texten zu schreiben, in der auf eine überraschende, geglückte Weise von seiner Krankheit und von den Büchern die Rede ist, die dem Autor am Herzen liegen. Er schrieb 52 solcher Texte, die ein Jahr lang in zwei Tageszeitungen und danach als Buch gesammelt erschienen (Pieter Steinz: Der Sinn des Lesens. Übers. von Gerd Busse. Philipp Reclam jun., Stuttgart 2016, 220 S.). Gegen alle Erwartung ist das Buch nüchtern, nachdenklich und den Umständen widersprechend so gutgelaunt, dass man nur staunen kann: "Ich hatte in meinem Leben zu viel Glück gehabt, um mich nun nicht blankem Pech beugen zu können." Am 29. 8. 2016 ist Pieter Steinz gestorben.