Eigentlich dachte man, die grassierende Mode der ellenlangen Buchtitel sei Romanen vorbehalten - Büchern wie "Vom Inder, der auf dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr, um dort seine große Liebe wiederzufinden" (Per J. Andersson), "Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren" (Antonia Baum) oder "Wie wir damals auf dem Bauernhof geheiratet haben, und der Alois am Tag drauf fast den Hund erschossen hat, weil er was gegen die Stadtmenschen hat und das Glück überhaupt" (Kerstin Höckel). Wobei sich hinter letzterem Rattenschwanz nichts weiter als ein ganz banaler Unterhaltungsroman verbirgt, in dem es um einen Bauernhof im Schwarzwald geht.

Früher hätte jeder Verlag einen weiten Bogen um solche umschlagfüllenden Satzungeheuer gemacht, aber spätestens seit dem Riesenerfolg des Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand, scheint man jede Scheu davor verloren zu haben. Und nun ist offenbar auch noch die Lyrik von dieser Unsitte befallen. "ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt" (Schöffling & Co. 2016) heißt der neueste Gedichtband der 1979 geborenen Ulrike Almut Sandig, und die Autorin könnte man am besten mit dem ebenfalls etwas längeren Titel eines der darin enthaltenen Gedichte charakterisieren: "ich bin ein zweistimmig singender Vogel mit Menschengesicht". Fakt ist: Kaum jemand schreibt zur Zeit musikalischere, vielstimmigere Gedichte, die man unbedingt laut lesen sollte. "das vollkommene Gedicht wird // nur gesungen und gesprochen, gespielt und gehört und wieder von vorn abgespielt". Sandigs Verse haben das, was Gottfried Benn einst einen Sound nannte. Und nicht nur das: Sie entwerfen eine seltsam romantisch-surreale Welt, die etwas schief in den Angeln hängt und zugleich etwas Schwebendes an sich hat. Mitunter trägt diese Poesie albtraumhafte Züge (etwa wenn sie "der Schussfolge nächtlicher Krachträume" nachhört), aber zumeist treibt sie sprachspielerisch-staunend durch "diese schwankende, bodenlos rauschende Schneekugelwelt".

Ulrike Almut Sandig bezieht sich in ihrem Lyrikband häufig auf die "Kinder- und Hausmärchen" der Gebrüder Grimm und nutzt sie als eine Art Folie, um daraus poetische Gegenwartsfunken zu schlagen.