Für die Fülle an Material und zeithistorischen Ereignissen, die "Jetzt" behandelt (welch feine Ironie steckt schon in dem Titel!), reicht die Zeit an diesem Abend freilich bei weitem nicht. Wir schaffen es – trotz kurzer "Nachspiel-Zeit" – gerade einmal bis Bielefeld (wo Bohrer 1982 eine Professur für Neuere deutsche Literaturgeschichte antrat – gegen den Widerstand linker, materialistisch ausgerichteter Kollegen, die er in dem Buch treffend zu persiflieren weiß).

Dafür erfährt man viel über Bohrers ambivalente Einstellung zu den Ereignissen von 1968, also der Studentenrevolution, die er als "Ereignis an sich" begrüßte, deren Inhalte ihn aber abstießen. Ihm gefiel der rebellische Gestus an Figuren wie Dutschke oder Kral, aber er verachtete ihre marxistische Gesinnung und die "kommunistischen Predigten". In dieser Zeit wird die intensive Lektüre der Schriften Walter Benjamins zu einer Art geistigem Fluchtpunkt für Bohrer, der darin eben weniger den ideologischen Materialisten erkennt und liest, als mehr den intellektuellen Romantiker. Und daraus wird dann ja auch eine nahezu lebenslange Beschäftigung mit nicht nur diesem Autor, sondern generell dem versteckten Erbe der Romantik, mit Surrealismus, Augenblicks-Erfahrungen und dem Momentum von Ereignissen.

Eine Name durchzieht das gesamte Buch – und taucht naturgemäß auch an diesem Abend mehrfach auf: jener von Jürgen Habermas, den Bohrer zumeist nur den "Philosophen" nennt. Ihre wechselhafte Beziehung, die gegenseitigen geistigen Anziehungen und Abstoßungen, begleiten und grundieren die Ausführungen wie ein Basso Continuo.

Köstlich die Schilderungen von wiederkehrenden Begegnungen mit "dem schweigsamen Dichter aus Österreich": Thomas Bernhard hatte Bohrer Ende der 60er Jahre mehrmals in der "FAZ"-Redaktion besucht – und war mit ihm jeweils auf eine Rindswurst in die Kantine gegangen. Dort saßen sie – und sprachen nicht viel: "Unsere gemeinsame trübsinnige Stimmung schien Bernhard zu gefallen", glaubt Bohrer sich an seine damalige Einschätzung erinnern zu können. Über Literatur wurde selbstverständlich nicht gesprochen, denn: "Darüber konnte man ja schreiben . . ."

Ergiebiger (wenn auch vielleicht nicht kulinarisch) waren jedenfalls Bohrers Jahre in England – dem Land, an dem ihn das durchgängig Theatralische in Alltag und Politik begeisterte: "Überall war eine Bühne". Auch der allgegenwärtige Witz, immer mit Stil und Format vorgetragen, begeisterten den Alltagsästheten, der damals auch an Phänomenen wie Popkultur (vor allem in der Malerei) und Fußball erkenntnisförderndes Gefallen fand. (Angeblich stammt der Ausdruck "Aus der Tiefe des Raumes", der damals Günther Netzers fußballerisches Verhalten auf dem Platz metaphorisch beschrieb – und mittlerweile zu einer allgemeinen Wendung wurde, von Karl Heinz Bohrer!)