Karl Heinz Bohrer liest aus dem Buch "Jetzt" - Vergangenes. . . - © Schmickl
Karl Heinz Bohrer liest aus dem Buch "Jetzt" - Vergangenes. . . - © Schmickl

Als ein Freund von meinem abendlichen Programmpunkt erfuhr, dem Auftritt des deutschen Literaturwissenschaftlers Karl Heinz Bohrer bei der lit.Cologne, meinte er, dann werde es heute wohl "Schwarzbrot geben". Das schien gleich in doppeltem Sinne zutreffend, weil der streitbare Intellektuelle (der im September 75 Jahre alt wird) nicht nur als harter Brocken und eher schwer verdaulich gilt, sondern auch, weil die Farbe Schwarz bei einem Autor, der u.a. eine "Ästhetik des Schreckens" oder die Schrift "Imaginationen des Bösen" veröffentlicht hat, assoziativ passend scheint.

Und dann kam doch alles anders, und es waren fluffige rheinische (Weiß-)Brötchen, die serviert wurden. Der gebürtige Kölner ("Da ich unmusikalisch bin, bekomme ich den rheinischen Sing-Sang nicht aus meiner Sprache. . .") erwies sich zwar einerseits als durchaus gravitätischer Gelehrter, der es an klaren und scharfen Urteilen nicht fehlen lässt ("Was in der FAZ über 1968 stand, war alles ahnungslos, kuschelig-phraseologisch, Blech…"), andererseits aber auch als ein mit feiner Ironie und dem von ihm so geschätzten britischen Witz durchsetzter Zeitgenosse, der Szenen und Milieus treffend trocken-humorig zu beschreiben weiß.

Hell und Dunkel: Philipp Felsch (l.) im Gespräch mit Karl Heinz Bohrer. - © Schmickl
Hell und Dunkel: Philipp Felsch (l.) im Gespräch mit Karl Heinz Bohrer. - © Schmickl

Anlass für das Gespräch mit dem Autor und Geisteswissenschaftler Philipp Felsch ("Der lange Sommer der Theorie") war Bohrers jüngst erschienenes Buch, "Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie" (Suhrkamp), das von seinen Erlebnissen und Erfahrungen von den 60er Jahren bis zur Gegenwart erzählt, u.a. als "FAZ"-Literaturchef (als der er 1972 von Marcel Reich-Ranicki abgelöst wurde), England-Korrespondent, Literatur-Professor in Bielefeld und Herausgeber der Zeitschrift "Merkur".

Als Autobiografie will Bohrer das Buch aber ebenso wenig verstanden wissen wie schon den Band "Granatsplitter" (2012) über seine Jugendjahre, da beide eben nicht aus der Perspektive des nunmehrigen Zeithorizonts geschrieben seien, sondern ausschließlich aus dem jeweils damaligen Bewusstsein. Das mag man spitzfindig finden, aber bei einem Mann, der es mit ästhetischen Kategorien und der Verortung von temporalen, also Zeit-Strukturen so genau nimmt, ergibt diese Einschätzung schon Sinn. Zumindest für ihn. Leser werden solch penible Unterscheidungen wohl eher seltener treffen.