An dieser Stelle war schon von Thomas Frahm die Rede, der es sich, so ziemlich im Alleingang, zur Aufgabe gemacht hat, uns Deutschprachige mit der Geschichte und Kultur Bulgariens vertraut zu machen - als Übersetzer, Autor und neuerdings auch als Verleger. Sein Verlag heißt Chora und ist einer dieser sehr kleinen, tapferen Verlage, von denen man sich wundert, dass es überhaupt noch welche gibt - und dazu noch immer wieder neue von dieser Sorte. Das Zauberwort heißt Selbstausbeutung - es ist so ähnlich wie bei der Kinderaufzucht, die ja nicht direkt ein gutes Geschäft darstellt, bei der man aber unversehens entdeckt, dass das eigene Leben einen anderen, größeren Sinn bekommen hat als vorher, dessentwegen man dann jahrein, jahraus die größten Mühen, Plagen, Enttäuschungen und finanziellen und sonstigen Einbußen auf sich nimmt.

Was also bietet dieses überschaubare, aber stetig wachsende Verlagsprogramm? Insgesamt ein ebenso instruktives und unterhaltsames Panorama über jenes ungewöhnlich unbekannte Land am äußersten Südosteck der EU, an der Grenze zur Türkei. Deren Teil war Bulgarien jahrhundertelang, und wie es dort vor etwa 150 Jahren aussah, kann man in drei Berichten deutscher Reisender aus jener Zeit nachlesen (Helmuth von Moltke, Friedrich Wilhelm Hackländer, Marie Gräfin zu Erbach-Schönberg: Besuch am Rande.Ausgewählt und hrsg. von Thomas Frahm. Chora Verlag Duisburg, 2015, 192 S.).

"Wären nicht aus den mit Zweigen durchflochtenen und mit Mist bedeckten vier Pfählen schmutzig braune, menschliche Gestalten hervorgekrochen, so hätte ich geglaubt, die Erdhöhlen, an denen wir vorbeikamen, seien Stallungen für Büffel und Schweine, d.h. für türkisches Vieh, denn ein ordentlicher deutscher Ochse würde sich geweigert haben, in diese Schmutzlöcher zu kriechen." Das ist zeitbedingt etwas politisch unkorrekt formuliert, gibt aber gerade deswegen einen lebendigen Eindruck davon, dass der Ausbau des Sozialstaats nicht zu den vordringlichen Zielen des alten Osmanischen Reiches gehörte.