Wie es heute dort aussieht, kann man einem neulich erschienenen Reiseführer für Fortgeschrittene entnehmen (Thomas Frahm: Oh, Bulgarien.Land und Leute, Kultur und Gesellschaft, 2016, 160 S.) und damit auch die Distanz ermessen, die das heutige Bulgarien vom damaligen trennt, und die weiterhin bestehende zu unserem mitteleuropäischen Wohlleben etwas milder beurteilen. Die nächsten Jahrzehnte werden uns ja zeigen, inwieweit die Masseneinwanderung aus ärmeren Gegenden unsere Kultur der orientalischen wieder angleichen.

Und dann gibt es natürlich jede Menge Literatur, unter anderem zwei Anthologien mit Prosa aus der bulgarischen Gegenwart. Den logischen Ausgangspunkt bildet die Zäsur von 1989, als der Kommunismus sein so überfälliges wie wohlverdientes Ende fand und es sich als überraschend schwierig erwies, an die Stelle des schlechten Alten etwas ein bisschen besseres Neues zu setzen. Immerhin, man konnte reisen. Die Reise war öfters eine Ausreise, und bekanntlich sind es nicht immer die Schlechtesten, die einem Land davonlaufen, sobald man sie laufen lässt, was die Schwierigkeiten, mit denen selbiges Land zu kämpfen hat, nicht kleiner macht (Gegenwarten.Bulgarische Prosa nach 1989, hrsg. und übers. von Thomas Frahm, 2015, 206 S., und Verborgenes Leben.Neue Prosa aus Bulgarien, hrsg. von Evelina Jecker Lambreva, übers. von Thomas Frahm. 2016, 181 S.).

Auch einen Überblick "von den Anfängen bis auf den heutigen Tag", wie es früher so schön hieß, stellt unser vielseitiger Protagonist zur Verfügung (Thomas Frahm: Heiliger Buchstabe, heillose Zeiten.Texte zur bulgarischen Literatur, 2016, 236 S.). Hier weist der Autor auch auf einen eigentlich bekannten, aber selten erwähnten Grund für die Schwierigkeiten kleinerer Literaturen hin: "Interessant wäre hier allerdings eine Studie, die einmal den Zusammenhang zwischen politischer Macht und literarischem Beachtetwerden untersucht. Ist es nicht ein merkwürdiger Zufall, dass der Löwenanteil der Übersetzungen ins Deutsche aus Sprachen und Ländern erfolgt, die Groß- oder Weltmacht sind oder waren? Wie viel durchschnittlich Erzähltes würde, hätte es ein Deutscher geschrieben, von der Kritik verrissen oder schlicht unbeachtet bleiben."