Die Lyrik, so hört man allerorten, erlebe gerade ein "Comeback". Jüngster Beleg dafür: Mit Jan Wagner bekommt heuer ein waschechter Lyriker den Georg-Büchner-Preis, die wichtigste Literaturauszeichnung im deutschsprachigen Raum. 2016 hatte ihn Marcel Beyer bekommen, 2014 der Kölner Autor Jürgen Becker. Die beiden Letztgenannten, Vertreter zweier ganz unterschiedlicher Generationen, schreiben zwar nicht ausschließlich Gedichte, aber ihr Schreiben, so könnte man sagen, entspringt doch einem lyrischen Impuls. Das gilt in ganz besonderem Maße für Jürgen Becker, der am 10. Juli seinen 85. Geburtstag feierte. Zu diesem Anlass ist "Graugänse über Toronto" erschienen (Suhrkamp 2017), ein "Journalgedicht".

Diese lyrische Gattung hat Becker erfunden, und eigentlich könnte man sein gesamtes Werk (also auch die frühe experimentelle Prosa und die Romane) als ein fortlaufendes Journal betrachten. Dieses Schreiben bezieht seinen Impuls aus all den Wahrnehmungen, Bewusstseinsassoziationen und Erinnerungen eines Ichs, das man mit dem des Verfassers gleichsetzen darf (und das doch ein "multiples Ich" ist).

"Ablenkungen, Versäumtes, / und nichts getan, das Flirren der Augenblicke / mit einem Kurs zu versehen, der das Woher und Wohin / ein bißchen kenntlicher macht." Die unterschiedlichsten Zeiten und Orte laufen ineinander, Traum, Erinnerung und aktuelle Weltwahrnehmung draußen vor der Tür im Bergischen Land bei Köln schieben sich im Gedicht übereinander. Becker wollte daraus nie in seinem langen Schaffen - 1967 bekam er den letzten Preis der Gruppe 47 - eine geordnete Lebenserzählung machen, sondern immer möglichst authentisch vor Augen führen, wie sich die Bewusstseinsvorgänge im Ich vollziehen.

"Herkunft, Kontext, / das Rätselnetz der Motive, und was ich dir kenntlich machen kann" - auch Beckers neues Journalgedicht webt weiter an der Textur eines Zusammenhangs, den es nur in diesen Augenblicken des Schreibens gibt. Denn: "Jeder Augenblick hat seine Biographie", und wer davon erzählen will, wird nie damit fertig werden.

Anders als Becker ist Friedrich Ani eher das, was man einen Gelegenheitslyriker nennen könnte. Meist schreibt er Krimis, Jugendromane oder Drehbücher für den "Tatort". Dass er mitunter auch die Versform pflegt, zeigt der Band "Im Zimmer meines Vaters" (Suhrkamp 2017). Diese Poeme klingen erstaunlich altmodisch, ohne altbacken zu sein. Sie tragen Titel wie "Mein Zwirn", "Weihnacht" oder "Einkehr", und man stolpert über so schöne Wörter wie "Krumen" oder "Tand". "Wir trugen die Ernte nachhaus, den / Sommer. Winkten heimlich / den Krähen, die unbeschwert das / Land behüten wintersüber. / Sie werden, / Schnee im Gefieder, uns / erwarten, uns / Säleute im frühen / Jahr. Sie borgen uns / Schwingen gegen den Sturm unds Verzagtsein daheim." Nach Lyrik im digitalen Zeitalter klingt das nicht gerade, aber vielleicht rührt die Freude an diesem Band auch daher, dass hier einer nicht zeigen muss, was er alles kann oder was alles Platz in einem Gedicht hat, sondern Poesie einfach nur poetisch sein darf.