Seit vierzig Jahren gibt es die "Frankfurter Anthologie": Jeden Samstag bringt die "FAZ" ein Gedicht samt kurzer Interpretation eines mehr oder weniger dazu berufenen Interpreten. Wobei es sich eher um die kluge Mitteilung subjektiver Leseerfahrungen ohne autoritativen Anspruch handelt. Weshalb diese ehrenwerte Institution vor allem eines ist: eine Schule des Lesens von Gedichten.

Ruth Klüger hat nun in "Gegenwind" (Zsolnay 2018) ihre Lyriklektüren der letzten zehn Jahre in einem Band versammelt. Für sie ist ein Gedicht "entweder ein Rätsel oder ein Geheimnis", und die, die sie in Augenschein nimmt, seien ihr zugelaufen "wie streunende Katzen". Gedichte zu lesen hat tatsächlich immer etwas Schweifendes, Vagabundierendes, Ungerichtetes. Was Gedichte im Lesenden so alles auslösen an Assoziationen und Emotionen, führt Klüger auf wunderbare Weise vor Augen. Aber ob man sie wirklich enträtseln und ihnen ihr Geheimnis entlocken kann?

Michael Krüger ist da eher skeptisch: "Gedichte sind mißtrauisch, / sie behalten für sich, was gesagt werden muß. / Sie gehen durch geschlossene Türen / ins Freie und reden mit den Steinen. / Sie führen uns fort." Mit diesem "Nachtrag zur Poetik" beginnt der jüngste Gedichtband des bald 75-Jährigen. "Einmal einfach" (Suhrkamp 2018) heißt er, und er erhärtet den Eindruck, der sich seit "Umstellung der Zeit" (2013) aufdrängt, nämlich dass es mit Lyrikern tatsächlich wie mit gutem Wein ist: Mit zunehmendem Alter werden sie immer besser (was für Romanciers nicht unbedingt gilt, siehe Martin Walser).

Krügers erster Gedichtband erschien 1976, und nun hat er eine lakonisch-elegische Meisterschaft erreicht, der man als Leser mit gemischten Gefühlen begegnet: Beglückung und zugleich Melancholie, denn diese Gedichte sind Alterswerke, geschrieben unter dem Schatten der Zeit, die noch bleibt. "Es ist vollbracht, / unsere Generation nimmt Abschied. / Welche Verse von uns werden es / in die Große Anthologie schaffen?" Der "späte" Krüger sollte jedenfalls reich darin vertreten sein.