Manche Menschen haben seltsame Hobbys. In den "Rilke-Blättern", einer Publikation der Rilke-Gesellschaft, hat tatsächlich schon 1984 (also noch ohne große digitale Hilfsmittel) jemand nachgezählt, welches Wort der gute Rainer Maria in seinen Gedichten am häufigsten verwendete. Nein, es ist nicht "Nacht" oder "Baum" oder "Sommer", sondern - "vielleicht". Das klingt auf den ersten Blick reichlich enttäuschend. Der Dichter der "Duineser Elegien" und der "Sonette an Orpheus", der Verfasser von lyrischen Gassenhauern wie "Herbsttag" und "Der Panther" flüchtet sich am häufigsten in ein vages "vielleicht"?

Andererseits hat Silke Scheuermann durchaus recht, wenn sie das in ihren Frankfurter Poetikvorlesungen "Gerade noch dunkel genug" (Schöffling & Co., 2018) plausibel findet: "Es war kein schlechtes Wort. Es deutete auf Zweifel hin, darauf, dass jemand Dinge infrage und Vermutungen anstellte, interessiert war, aber auch unsicher. In der Lage, etwas offenzulassen." Diese Offenheit und Freiheit sind für die 1971 geborene Autorin, die sowohl Gedichte als auch Prosa schreibt, das Besondere an der Lyrik. Poesie ist für sie (und hier greift sie einen Gedanken von Paul Valéry auf) eine Sprache innerhalb der Sprache, die mit deutlich mehr Freiheiten ausgestattet sei, weil sie sich nicht auf die äußere, sondern auf eine innere Wirklichkeit beziehe. Das mag sein, aber die "poetischen Lizenzen", also die Möglichkeiten der Lyrik, von geläufigen Sprach- und Sprechkonventionen abzuweichen, haben auch mit der Sprachfixierung dieser Gattung zu sein. Sie will nicht realistisch sein und ist deshalb oft genug weder äußere noch innere, sondern rein sprachliche Wirklichkeit.

Wie weit das im digitalen Zeitalter gehen kann, zeigt Hannes Bajohr in seinem "Halbzeug" (Suhrkamp, 2018). Er kreiert aus recyceltem Sprachmaterial Gedichte, indem er beispielsweise mit Hilfe eines Computerprogramms aus Franz Kafkas Werken Konkordanzen des Schlüsselworts "Opfer" erstellt und diese dann manuell arrangiert: "leicht ein opfer von klatschereien / bringe ich also solche opfer. / solche opfer zu bringen / dieses opfer ist zu groß."

Oder er durchsucht die Plenarprotokolle deutscher Parlamente nach der Phrase "um ... herum": "um alle themen herum / um bäume im feld herum / um chemnitz herum" - so geht das noch zwanzig Verse weiter. Das Problem daran ist: Die Suchideen sind oft origineller als das, was am Ende dabei herauskommt. "automatengedichte" heißt eine Rubrik, und genau so kalt und leblos wie Automaten sind viele dieser digitalen Literaturprodukte. Da helfen auch großspurige "Notizen zur Arsenalerweiterung" - eine Art Poetik dieses "Halbzeugs" - nicht wirklich weiter.