Eine gute Freundschaft im landläufigen Sinn war sie nicht, jene zwischen
Arthur Schnitzler und Hermann Bahr, im landläufigen Sinn (außer vielleicht einige kurze Jahre lang), aber dafür umso mehr im übertragenen, literarischen Sinn. Und zu unser aller Glück ist daraus nun ein dickes Buch geworden (Hermann Bahr / Arthur Schnitzler: Briefwechsel, Aufzeichnungen, Dokumente 1891-1931, hrsg. von Kurt Ifkovits und Martin Anton Müller. Wallstein Verlag, Göttingen 2018, 1006 S.).

Hier ist aus einem gewiss endlos sich ziehenden und Zeit, Kraft und Geld verschlingenden Projekt am Ende etwas sehr Gutes geworden, ein Lebensroman in Briefen und verschiedenen Dokumenten, der sich liest - eben wie ein Roman. Man begleitet die beiden Herren (und einige andere dazu) von einem Brief zum nächsten, dann ins Kaffeehaus und wieder retour. Das ist überraschenderweise über viele hundert Seiten weg durchaus kurzweilig. Am Ende, 1962, sind sie alle tot, nur Frau Olga Schnitzler lebt noch und unternimmt einen Rückblick: "Spiegelbild der Freundschaft", aus dem wir ein Kapitel zu lesen bekommen.

Am Anfang steht eine schwärmende, stürmische Jugend. Sie nannten sich "Das junge Wien", und wie alle Jungen vorher und nachher waren sie angetreten, die Welt umzustürzen und eine neue, die ihre an dieser Stelle aufzurichten. Daraus ist schließlich ja ein sehr beachtliches Kapitel der österreichischen Kulturgeschichte geworden. Hermann Bahr, er ganz besonders, wollte nicht nur selber ein ganz Besonderer werden, er hatte es sich auch in den Kopf gesetzt, die Welt von den Neuen in Kenntnis zu setzen - und wie üblich war die Welt eben noch keine bewundernde Nachwelt, sondern eine teils gleichgültige, teils missgünstige und neidische, die es gegen alle Widerstände zu überzeugen galt.

Um das alles ins Werk zu setzen und einander in Stimmung zu bringen, und natürlich weil man in Wien war, mussten
viele Stunden im Kaffeehaus verbracht werden. In Schnitzlers Tagebuch liest sich das dann so: "27.12.1891. Nm. Salten, Bahr, Loris, Bératon. Ueber den Symbolismus. Bahr und Loris sprachen, Loris las Gedichte Stephan George’s und eigne vor, die getheilten Eindruck hinterließen." Bahrs rührender Eifer, der nicht nur Schnitzler gilt (auch Gustav Klimt ist ihm ein großes Anliegen), wird von diesem gerne akzeptiert, was aber noch lange nicht heißt, dass dies sein Urteil mildern wird.

Immer von Neuem, viele Jahre lang, werden dem lieben Tagebuch abfällige Kommentare zu Bahrs eigenem literarischen und theatralischen Schaffen anvertraut, und auch der persönliche Verkehr ist nie ganz unverstellt freundschaftlich, immer ist da eine gewisse Reserve; und am besten scheint Schnitzler das Verhältnis aus der Distanz zu genießen oder auszuhalten.

"Innerlich klare aufrichtig freundschaftliche Beziehung mit Bahr (den ich nie spreche)", heißt es etwa im Jahr 1909, und später, da Bahr in Salzburg lebt, sieht man sich gar nicht mehr und schreibt sich, immer seltener, dafür ganz liebe Briefe. Die beiden sind dann, schon zu Lebzeiten, ziemlich berühmt geworden; in einem staunenswert-schrecklichen Moment dämmert ihnen nicht nur, dass sie, ohne sich dessen bewusst zu sein, den literarischen Abgesang auf das alte, große Österreich dargestellt haben, sondern auch, dass nach ihnen nun nichts mehr kommt - oder eben ganz andere Autoren, andere Strömungen in Politik und Gesellschaft, im Geistesleben, wie man so sagt. Es gibt kein zweites junges Wien, und das Leben ist dann auch ziemlich bald wieder vorbei.

Wie im Nachwort des Buches festgestellt wird, erlebt man in diesen Korrespondenzen kaum Überlegungen literaturtheoretischer Art, keine "gegenseitige Inspiration". Fast liest es sich wie ein E-Mail- oder SMS-Verkehr - die Post war damals ja unübertroffen schnell, und dank dem ab ca. 1890 schon möglichen Telefonverkehr mussten Verabredungen nicht einmal mehr schriftlich bestätigt werden.

Das ist gar kein Nachteil, sondern eher dazu geeignet, das Damals dieser Lebensgeschichte dem Leser gegenwärtig zu machen, den Atem des Lebens, auch das notwendig Fragmentarische abzubilden.