Gedenken und Jubiläen lassen gerne vergessen. Vermeintliche Nebendarsteller bleiben auf der Strecke. Das war bei den Feiern rund um 50 Jahre Mondlandung nicht anders. Über Sun Ra etwa, Zeitzeuge, Musiker, Visionär und selbsternannter Sonnengott, wurde hinweggesehen. Obwohl er zur Mondlandung damals schon einiges zu sagen hatte und seine Arbeit bis heute nachwirkt.


Das historische Ereignis galt ihm nämlich als mächtiges Symbol der weißen Herrschaft. Als grundlegender Ausdruck dessen, dass Afroamerikanern Zugang zu Wissen verwehrt wurde, dass sie vom technischen Fortschritt ausgeschlossen waren. Als Zeugnis der strukturellen Ungleichheit. Schwarze müssten sich deshalb die Werkzeuge der Weißen aneignen, war Sun Ra überzeugt. Damit sie nicht ewig Ausgeschlossene blieben. Ziel war für den US-Musiker eine schwarze Wissensgesellschaft und daraus resultierend Befreiung. Wichtiges Instrument dafür: Die Musik.

Die Raumfahrt war damals nicht nur eine starke Waffe im Kalten Krieg. Weltall und Technik spielten auch in radikalen politischen Bewegungen der Afroamerikaner, wie die Nation of Islam oder die Black Panther Party, eine bedeutende Rolle: Sie standen für Ermächtigung und Befreiung. Ein bedeutendes Motiv - auch bei Sun Ra - war hierbei das Raumschiff. Es sollte an das Sklavenschiff erinnern, aber auch zu einem Symbol der Wiederaneignung von Handlungsfähigkeit werden. Science Fiction schuf damit neue Möglichkeiten und Räume für die Afrikanische Diaspora.


Musik war für Sun Ra nicht nur ein wesentliches Mittel zur Änderung von Bewusstsein, sondern auch die Energie für den Antrieb in Richtung All. Denn im Weltraum, befand er, wären Schwarze weniger Außerirdisch als auf der Erde, weniger entfremdet von der Gesellschaft. Dort ging es freundlicher zu als in den USA. Deshalb war für Sun Ra der Weltraum auch der Ort für seine Utopien über eine andere Gesellschaft. Wenn nur der Weltraum bleibt, um als Schwarzer dem Rassismus zu entfliehen, dann liegt in ebendiesen Sphären die Zukunft. Die Erde dagegen war verloren, verurteilt zum Kollaps.


Die Beziehung zwischen Musik, Technik, Technologie, Gesellschaft und der Identität der Afroamerikaner dominierte Sun Ras Arbeit. Seine Musik ist tief in der Geschichte der Afroamerikaner verwurzelt, das Potpourri aus Jazz, Swing, Blues, Big Band oder Gospel erweiterte er um Spontanität und neue ästhetische Mittel. Er war einer der ersten Musiker mit einem Minimoog-Synthesizer auf der Bühne.

Sun Ra landete 1914 auf der Erde, an einem Ort, der damals für Schwarze in den USA als einer der Allerschlimmsten galt: in Birmingham, Alabama. Bis Anfang der 1950er hieß er Herman Poole Blount, benannt nach dem Varieté-Künstler Black Herman und, wie Ra mutmaßte, nach dem Leiter des Nation of Islam Elijah Poole bzw. Elijah Muhammed. Schon als Kind galt er als begabter Pianist, bereits im zarten Alter von elf, zwölf Jahren schrieb er eigene Stück. Auch war er regelmäßig als Zuhörer zu Gast bei Live-Auftritten von Fats Waller, Duke Ellington oder Fletcher Henderson.


Nach der High School besuchte er in Huntsville, Alabama, die A&M Universität, 1934 übernahm er das Sonny Blount Orchestra, das er ein Jahrzehnt lang leitete. 1945 zog er nach Chicago und verdingte sich zunächst mit Brotjobs, spielte Klavier für Fletcher Henderson oder Billie Holiday. Als selbsternannter Sonnengott Sun Ra (dem nicht genug, bezeichnete er sich auch als Wesen vom Saturn, das eigenen Angaben zufolge von Außerirdischen entführt und mit der Mission, die afroamerikanische Bevölkerung zu retten, wieder zur Erde geschickt wurde) leitete er später eine Band mit ständig wechselnder Besetzung. Diese wurde als Arkestra (eine Wortschöpfung aus Arche/ark und Orchester/orchestra) bekannt. Die bekanntesten Mitglieder seiner Big Band sind die Saxophonisten John Gilmore, dessen Werk wiederum das von John Coltrane  beeinflusste, und Marshall Allen, der mittlerweile als fast Hundertjähriger das Sun Ra Arkestra leitet. Sun Ra wiederum wäre heuer 105 Jahre alt geworden. Er verließ 1993 Planet Erde.