Wenn wir uns in diesem vermaledeiten Frühjahr schon ständig über kühle Nordströmungen beklagen müssen, so lassen wir uns doch wenigstens akustisch von deutlich wärmeren Klängen aus dieser Windrichtung verwöhnen. Und richten den Blick - und vor allem die Ohren - nach Norwegen, von wo seit Jahresbeginn beständig popmusikalische Schönwetterperioden zu uns strömen. Etwa von der Formation Needlepoint, die im Februar ihr neues, seit 2010 insgesamt fünftes Album, "Walking Up That Valley", herausbrachte.

Bei dem aus Oslo stammenden Quartett handelt es sich um eine tief im musikalischen Fundament der 70er Jahre beheimatete und bewusst steckengebliebene Gruppe. Prog- und Jazzrock sind die Basiselemente, mittels derer sie ihre verspielt-folkigen, teils improvisiert-jazzigen Soundhütten errichtet. Robert Wyatt, Soft Machine oder Genesis (zu Zeiten von "England Selling By The Pound", 1973) sind Referenzgrößen, wobei einem auch die altniederländische Klöppelkunst der holländischen Virtuosenband Focus (rund um Gitarrist Jan Ackermann) einfallen könnte.

Der Opener des Albums, das fünfminütige "Rules Of A Mad Man", steht exemplarisch für die so komplexe wie einnehmende Art ihres Musizierens: fauchende Orgeln, eine tändelnde Melodie in hoher Stimmlage (über einen aus dem Schachspiel in die Wirklichkeit entkommenen Verrückten, in dem man den vormaligen US-Präsidenten vermuten darf) und ein ausladendes Intermezzo mit druckvollem, in Polyrhythmen agierenden Schlagzeug. Nein, Innovationspreis gewinnen Needlepoint damit keinen - aber wann hat man derlei Retroklänge zuletzt so erfrischend gehört! "Another Day" ist ein weiterer, von allzu viel instrumentell-handwerklichem Imponiergehabe verschonter Song, der den einen oder anderen Tag Aufmerksamkeit verdient.

Auch Sivert Hoyem, ehemaliger Sänger der dunkel-melancholischen Band Madrugada und danach erfolgreicher Solo-Artist, ist kein Mann neuer Klänge und musikalischer Visionen. Und doch ist seine ebenfalls im Februar erschienene EP "Roses Of Neurosis" ein Fingerzeig in eine andere Richtung. Der großgewachsene, aus dem norwegischen Sortland stammende Sänger mit charismatischem Kahlhaupt tendiert auf den fünf Nummern zu einer helleren Tonlage. Er bleibt dabei der großen Geste und dem dramatischen Gestus treu, aber die Blüten seiner hingebungsvoll gepflegten Neurosen öffnen sich - auch akustisch - hin zum Licht. "Safe Return", der Eingangssong, zeigt diesen Prozess der Entfaltung in voller Pracht - eine in üppige, aber stets transparente Arrangements getauchte Hymne mit großen Bögen, wobei Hoyems tiefes Timbre mit einer spitzen Trompete um die Wette tremoliert. "Run Away" legt noch ein Schäufelchen an Melodramatik nach, bevor "Queen Of My Heart" in Sachen theatralischer Ballade, mit schmachtenden Jauchzern, den Höhepunkt bildet. Großartige Momente der Verschwendung.

Damit kann die norwegische Band Minor Majority, die (und das schon seit 2001) in ähnlicher Tradition steht, diesmal nicht ganz mithalten. Ihr neues, achtes Album, "The Universe Would Have to Adjust" (das am 4. Juni erscheint), ist nicht von derartiger Opulenz, dafür ist es luftiger, kammermusikalischer und mit Singer/Songwriter-Qualitäten angelegt, die in "The Singer" adäquat zum Vorschein kommen. "Clouds Let Them Come, Rain Let It Fall" ist eine naturfeierlich schwebende Nummer, die bei aller Grandezza die herrschende Wetterlage - da haben wir sie wieder! - allzu euphemistisch beschwört.

Ein schönes Lebenszeichen, bar jeglicher meteorologischen Verfinsterung, kam in diesem ersten Halbjahr auch von dem in Norwegen lebenden Sänger und Schauspieler Christian Beharie, der mit "Beharie // Beharie" seine zweite EP mit einer souveränen Bandbreite aus Soul, R’n’B und Indie-Folk vorlegt. Mal klingt er darauf wie die Fleet Foxes (etwa in "I Wish I Was You"), mal wie Michael Kiwanuka, vor allem in der träumerischen und doch hellwachen Soul/Funk-Ballade "Worry", mit großem räumlichen (Nach-)Hall.

Die norwegische Künstlerin und Sängerin Rikke Normann hat mit durchaus aufgewecktem Organ und dem Album "The Art Of Letting Go" ebenfalls ein bisschen Sonne in die wolkenverhangenen Frühjahrswochen gebracht, auch wenn ihr Zen-tralsong, "In The Greys", ein trübes Missbrauchsschicksal thematisiert, es aber zugleich musikalisch zupackend-kraftvoll bewältigt. Aufgenommen wurde die Platte in einer kleinen Holzhütte in den Bergen - norwegischer geht’s also kaum. Dort darf’s auch regnen, windig und kalt sein. Hier ab jetzt aber nimmer. Claro!