"Ich will ein waghalsiges Leben, ich will ein Leben wie Steve McQueen", sang der ehemalige Radio-DJ Vasco Rossi 1983 beim Festival von Sanremo und schaffte die Wandlung vom Outsider zum Star. Dieser Lebensmaxime schien der Musiker lange exzessiv zu folgen, Gerichtsverfahren wegen Drogenbesitzes und ein Gefängnisaufenthalt wechselten sich mit ausverkauften Konzerten ab. Am 7. Februar ist Vasco Rossi nun 70 Jahre alt geworden.

Das einstige Enfant terrible ist ruhiger geworden, doch seine Ausstrahlungskraft auf die italienische Bevölkerung ist größer denn je. 2017 schaffte er es, ein Konzert vor über 225.000 zahlenden Zuschauern zu geben - und hält damit den Weltrekord. Damit ließ er Größen wie die Rolling Stones, Michael Jackson oder Paul McCartney hinter sich. Abseits Italiens hält sich seine Bekanntheit freilich in Grenzen, denn Vasco Rossi hat relativ selten Konzerte im Ausland gegeben. Und auch in Italien schaffte er den Sprung an die Spitze der Hitparaden relativ spät.

Sanremo als Sprungbrett - Vado al massimo (1982)

Der Beginn der Karriere war für den Musiker aus Zocca in den emilianischen Apenninen nicht einfach. Zunächst hatte er mit Punta Radio eines der ersten freien Radios Italiens mitbegründet. Dadurch lernte er Musiker wie  Gaetano Curreri (Stadio, Lucio Dalla) kennen. Diese förderten Rossi, doch dessen erste Platten fanden wenig Anklang. Als er die Chance erhielt, 1982 beim Festival von Sanremo aufzutreten, willigte er sofort ein. Sein Manager riet zwar davon ab, doch Rossi witterte die Chance, endlich auch jenseits der regionalen Grenzen bekannt zu werden. Er versuchte, wie er jüngst in einem Interview im "Corriere della Sera" verriet, als ein Gegenbild zu den üblichen Hochglanz-Sängern zu wirken. Und zwar nicht nur durch sein legeres Äußeres, sondern auch durch ein ironisches Lied, mit einem Seitenhieb auf die Presse ("besser riskieren, als wie der Typ zu enden, der für die Zeitung schreibt") und mit einer Anspielung auf Drogen.

Der Durchbruch mit "Vita spericolata" (1983)

Nur ein Jahr später sollte dann der große Durchbruch gelingen. Erneut war es das Festival von Sanremo, das als Sprungbrett diente. Mit "Vita spericolata" traf Rossi den Nerv (s)einer Generation. Vom waghalsigen Leben sang er; davon, sich um niemanden und nichts zu kümmern - und das Publikum sang lauthals mit. Denn Vasco Rossi repräsentierte ein in Italien als "menefreghismo" bekannt gewordenes Lebensmotto. Wurschtigkeit würde man es hierzulande nennen. Eine ganze Generation wollte die 80er Jahre als aufregendes Abenteuer erleben, nachdem die späten 70er in Italien von Arbeitslosigkeit, Terrorismus und Depression gekennzeichnet waren.

Erster Höhepunkt mit "Bollicine" (1983)

Danach schien die Karriere tatsächlich abzuheben. Mit dem Song "Bollicine" nahm er Werbeslogans von Piaggio und Coca-Cola aufs Korn, und gewann den Festivalbar (eine Art Sommerhitparade). Anspielungen auf Drogen waren wieder dabei, wie etwa eine längere Pause zwischen den Worten Coca (Abkürzung für Kokain) und Cola, oder die Erwähnung von Heroingebrauch. Dass auch Vasco Rossi damals alle möglichen Drogen probierte, wurde spätestens 1984 klar, als er wegen Drogenbesitzes verhaftet wurde und einige Wochen im Gefängnis verbringen musste.

Absichtliche und zufällige Skandale - "Colpa d'Alfredo"

Unterstützung erhielt er damals von einem seiner Idole. Fabrizio De André besuchte den Rocker gemeinsam mit seiner Frau Dori Ghezzi im Gefängnis. Rossi wurde durch dieses Erlebnis und den folgenden Prozess aufgerüttelt. Seine Platten begannen trotzdem -  oder gerade deshalb - immer populärer zu werden; laut "Rolling Stone" ist das 1983er Album "Bollicine" die beste italienische Platte aller Zeiten. Auch ältere Songs hatten speziell bei seinen Live-Auftritten plötzlich großen Erfolg.

Nicht immer verstand das Publikum die Ironie, die sich in den Texten versteckte. In "Colpa d'Alfredo" beschwert sich Rossi über die langatmigen und bedeutungsschwangeren Gespräche mit einem gewissen Alfred, der ihm den vermeintlichen Aufriss entgehen lässt. Und die "Schlampe" geht stattdessen "mit dem Afrikaner weg, der nicht einmal gut Italienisch kann, aber sich verständlich machen kann, wenn er will". Rassismus und Aufrisskultur in einem Song, das war zu viel - und es folgte ein Boykott durch die Radios, und die Wahl eines anderen Songs als Single von der damaligen Langspielplatte. Jahre später erzählte Rossi, dass es tatsächlich einen Alfredo gab, und der Mann, der ihm die vermeintliche Freundin abluchste, seinen Spitznamen wegen seines großen Erfolges bei Frauen hatte.

Depressionen und (Über-)Lebenslust - Vivere (1993)

Während der Zuspruch immer größer wurde, Rossi füllte in Italien bereits problemlos Stadien wie San Siro, rutschte der Künstler in Depressionen. Die 90er Jahre waren eine Zeit des Wandels, gegen Ende des Jahrzehnts starben auch einige seiner Musiker, unter anderem sein langjähriger Freund und Gitarrist Massimo Riva. Mit ihm hatte er 1993 mit "Vivere" noch eine Hymne an das Leben und an das Überleben geschrieben.

Gegen den Strom und doch Massenbetörer - C'è chi dice no

Nach der Jahrtausendwende konzentrierte sich Vasco Rossi noch stärker auf seine Konzerte, die auch auf Platte und DVD erschienen. Dabei wurden die Spektakel immer größer, bis im Jahr 2017 das Unglaubliche passierte: Ein Konzert am 1. Juli in Modena sollte anlässlich seiner 40-jährigen Karriere alle bisherigen Rekorde sprengen. Mehr als 250.000 Menschen fanden sich im Enzo-Ferrari-Park ein und feierten ihren Helden. Für Rossi, der nur wenige Jahre davor schwerkrank im Spital gelegen war, ein bewegender Augenblick. Und zur großen Feier gab es Kulthits, die auch die heutige Jugend noch  ansprechen, wie etwa "C'è chi dice no" ("Es gibt jemanden, der Nein sagt"), eine Hymne an das Sichverweigern. Glaubwürdig interpretiert von Rossi, der zu Beginn der 1990er Jahre das Angebot als Vorprogramm der Rolling Stones aufzutreten, einfach abgelehnt hatte.

Klare Botschaften - Generale

Seine Haltung zu Politik und gesellschaftlichen Problemen posaunt Vasco Rossi nie hinaus. Trotzdem hat er in Interviews oder auf sozialen Medien immer wieder Stellung bezogen. Seit mehreren Jahrzehnten singt er etwa das Anti-Kriegs-Lied "Generale" von seinem Freund Francesco De Gregori bei seinen Konzerten. Den Namen Vasco erhielt er, da sein Vater, der in einem deutschen KZ gelandet war, von einem Mitinsassen namens Vasco aus einem Bombentrichter gerettet wurde. Die furchtbaren Erlebnisse haben den Vater Zeit seines Lebens nicht mehr losgelassen und auch den jungen Vasco mitgeprägt.

Nicht nur Mutters liebster Song - Albachiara

Für ein Mädchen aus seinem Wohnort Zocca schrieb er Ende der 1970er Jahre den Song "Albachiara". Und da das Mädchen dies nicht glaubte, folgte danach noch ein Song ("Una canzone per te" - ein Lied für dich). Obwohl die Erwähnung von weiblicher Masturbation - außer bei Gianna Nanninis "America" - ein Tabu-Thema war, hat das Lied enormen Anklang bei Rossis Fans gefunden. Bis heute ist es Teil der Zugaben, die er bei seinen Konzerten gibt. Und auch Rossis Mutter hat den Song gemocht.