Heiter war die Welt auch vor fünfzig Jahren nicht. Der Terroranschlag bei den olympischen Spielen in München rüttelte Mitteleuropa auf. Musikalisch gab wieder Großbritannien den Trend vor und dieser hieß Glam-Rock. Schon 1971 hatte T. Rex alias Marc Bolan mit Singles wie "Hot Love" oder "Get It On" und Glitzerschminke im Gesicht für Furore gesorgt, 1972 war es nicht anders. Fünf Top-Ten-Hits in der britischen Hitparade, zwei davon auf Platz eins ("Telegram Sam", "Metal Guru") stellten alles andere in den Schatten. Kein Wunder, dass heuer ein CD-Box mit dem schlichten Titel "1972" des allzu jung verstorbenen Künstlers erschienen ist. 

Auch in Österreich war T. Rex mit "Metal Guru" und "Children Of The Revolution" in den Top Ten. Zwei bekannte Musiker begleiteten Marc Bolan in der für den Film "Born To Boogie" gedrehten Version von "Children Of The Revolution", Elton John und Ringo Starr. Der Beatles-Schlagzeuger war übrigens auch der Regisseur des Films.

Children Of The Revolution - T. Rex

Wenig überraschend gab es auch 1972 den Grand Prix Eurovision de la Chanson, allerdings mit einem Siegertitel, der tatsächlich international erfolgreich war. Die in Deutschland lebende Griechin Vicky Leandros gewann für Luxemburg mit einem französisch-sprachigem Song und landete weit vorne in den Hitparaden aller Welt. Ironie des Schicksals: In Deutschland schrammte sie an den Top-Ten knapp vorbei.

Apres Toi - Vicky Leandros

Hoch im Kurs standen 1972 auch reine Instrumentalnummern. In der britischen Hitparade fanden sich auch die Wiener Philharmoniker mit dem Thema zur legendären TV-Serie "Onedin-Linie", noch weiter oben, nämlich gar wochenlang Nummer 1, waren aber die Royal Scots Dragoon Guards mit ihrer Version von "Amazing Grace".

Amazing Grace - Royal Scots Dragoon Band

The "Onedin Line" Theme - Wiener Philarmoniker

Keine Dudelsäcke verwendeten "Hot Butter", um den Song "Popcorn" weltweit aufknallen zu lassen. Ursprünglich 1969 in der Originalversion von Moog-Synthesizer-Pionier Gershon Kingsley erschienen, konnte die Gruppe um Stan Free, der bei Kingsleys Gruppe "First Moog Quartet" mitgewirkt hatte, einen Sensations-Hit landen. Der vor den Nazis aus Deutschland geflohene Kingsley freute sich zwar über den Erfolg seiner Komposition, musste zu seinem Entsetzen aber feststellen, dass er einen Teil der Rechte an dem Song abgegeben hatte. Beim Komponieren hatte er sich von Bach inspirieren lassen und den Song in wenigen Minuten geschrieben.

Popcorn - Hot Butter

1972 war auch ein wichtiges Jahr für die Soul-Musik. Mit dem Mega-Konzert "Wattstax" versuchte die Plattenfirma Stax aus Memphis ein "Black Woodstock" zu erschaffen. Mit dabei waren u.a. die damaligen Chartstürmer Isaac Hayes und The Staple Singers. Während Hayes, der als Songschreiber etliche Soul-Kulthits wie etwa "Soul Man" geschrieben hatte, 1972 die Lorbeeren für den Nummer-1-Hit des Vorjahrs "Theme From Shaft" abkassierte, waren die Staple Singers mit einigen Singles in den Charts. Mit "I'll Take You There" gelang ihnen der ganz große Wurf.

I'll Take You There - The Staple Singers


Ebenfalls bei Wattstax mit dabei waren The Dramatics. Ihr erstes Album hatte sie 1971 mit dem gleichnamigen Song "Whatcha See Is Whatcha Get" ins Rampenlicht gebracht, mit der Single "In The Rain" schafften sie 1972 erneut den Sprung in die Top-Ten der Billboard-Charts. Das Lied hat bis heute seinen Reiz behalten, es wurde immerhin 95 Mal gesampelt.

In the Rain - The Dramatics

Beliebt waren zu Beginn der 70er Jahre auch Musicals und gleich zwei, die das Leben Jesus Christi zum Thema hatten, feierten 1971 in New York Premiere. Neben "Jesus Christ Superstar" konnte "Godspell" für Furore sorgen und wurde ebenso verfilmt. Die Musik stammte von Stephen Schwartz und Ensemblemitglied Robin Lamont hatte mit dem Song "Day By Day" einen Hit in den USA, während in Großbritannien Holly Sherwood einen kleineren Erfolg feiern konnte.

Day By Day - Godspell Soundtrack/Robin Lamont

Gleich die erste Solo-LP "It Never Rains in Southern California" brachte Albert Hammond nicht nur den langersehnten Durchbruch, sondern enthielt jene Songs, die bis heute mit seinem Namen in Verbindung gebracht werden. Der Titelsong des Albums schaffte es auch in die Top Ten der Billboard-Charts, während der Song "The Air That I Breathe" zwei Jahre später ein Erfolg für die Hollies wurde. Zudem durfte sich Hammond mit seinem Co-Autor Mike Hazlewood in den 90er Jahren auch noch darüber freuen, dass Radiohead sie nach einem Urheberrechtsdisput als Miturheber des Hits "Creep" eintragen mussten.

It Never Rains in Southern California - Albert Hammond

Vor 50 Jahren hatte Neil Diamond seinen letzten Solo-Nummer-eins-Hit in den USA. "Song Sung Blue" ist von Mozarts 21. Klavierkonzert in C-Dur KV 467 inspiriert. In Österreich zählte es in den 70er Jahren zum Standardprogramm der Gute-Nacht-Sendung "Musik zum Träumen" auf Ö3.

Song Sung Blue - Neil Diamond

1971 hatte Don McLean mit "American Pie" den Song seines Lebens veröffentlicht, die folgende Single "Vincent" folgte im Windschatten. Der melancholische Song über den niederländischen Maler schaffte es in Großbritannien sogar ganz an die Spitze der Charts. Die Inspiration für den Song lieferte ein Buch über Van Gogh.

Vincent - Don McLean

Der große Durchbruch für die US-Band Dr. Hook & The Medicine Show stammt aus der Feder von Playboy-Cartoonist, Kinderbuch-Autor und Songwriter Shel Silverstein, der ein paar Jahre zuvor den Johnny Cash-Hit "A Boy Named Sue" geschrieben hatte. Die Bar- und Kneipen-Band hatte schon bei der Filmmusik für einen Dustin-Hoffman-Streifen mit Silverstein zusammen gearbeitet, es sollte letztendlich eine dauerhafte Kooperation mit weiteren Erfolgen wie "Cover Of The Rolling Stone" oder "The Ballad Of Lucy Jordan" werden. Für die sich später nur mehr Dr. Hook nennende Band war der Song bei Live-Auftritten eine schmerzhafte Erfahrung, denn Fans warfen beim Refrain ("And the operator says 40 cents more / For the next three minutes") immer Münzen auf die Bühne.

Sylvia's Mother - Dr. Hook & The Medicine Show

Der US-Amerikaner Johnny Nash hatte sich in den 60er Jahren dem Reggae zugewandt und die Wailers samt dem jungen Bob Marley entdeckt. 1972 feierte er mit Bob Marleys "Stir It Up" und seinem eigenen Song "I Can See Clearly Now" gleich zwei Erfolge.

I Can See Clearly Now - Johnny Nash

Der Zufall wollte es, dass der New Yorker Songwriter Harry Nilsson bei einer Party mit Freunden den Song "Without You" der britischen Band Badfinger hörte. Doch zunächst schrieb er den Song den Beatles zu und konnte ihn auf den Platten der Fab Four nicht entdecken. Es dauerte in der internetlosen Zeit eine Weile, bis man herausfand, dass es sich um ein Werk von Badfinger handelte. Nilsson machte aus der langsamen, etwas eintönigen Rockballade eine Pop-Perle. Es sollte ein weltweiter Hit werden. Die Komponisten des Songs sollte weniger Glück vergönnt sein. Finanzielle Probleme ließen sie früh aus dem Leben scheiden.

Without You - Nilsson