Diesmal nutze ich dieses Format schamlos zur Präsentation eigener Vorlieben. Die folgenden dei Alben, allesamt in den letzten Monaten erschienen, haben somit nur eines gemeinsam - und zwar, dass sie mir gefallen, sehr gefallen. Ich werde also ausnahmsweise nicht versuchen, sie nach diversen popkritischen oder rockhistorischen Kriterien zu bewerten (die sowieso nur wackelige Kategorien und Hilfskonstruktionen sind, aber immerhin), sondern lediglich danach trachten, mein subjektives Empfinden zu beschreiben und auf diese Weise nachvollziehbar zu machen. Ende der Vorrede.

Schon lange hat mir kein Album mehr so viel Hörspaß bereitet wie "Future Shine" der US-Band flor, die hierzulande (und in weiten Teilen Europas) so gut wie unbekannt ist. Auch ich kannte das Quartett, das 2014 in Oregon gegründet wurde, bisher nicht - und bin heuer, nach Veröffentlichung ihres dritten Longplayers (neben zwei EPs), eher zufällig darüber gestolpert.

Was ist nun das Besondere an dieser Gruppe? Genau nichts, würde ich sagen. Aber ihre aus allen verfügbaren Indiepopquellen gespeiste Spielfreude und der inspirierende Jungmännergesang des gar nicht mehr ganz so jungen Zach Grace (der sich übrigens auch eine Rastamähne angeeignet hat) vermitteln - zumindest mir - extrem gute Laune. Und was kann man in diesen Tagen schon mehr brauchen!

Etwas poppiger und teils rockiger (man höre etwa den hymnischen Kracher "Gotta Do Something") angelegt als ihre zumeist ruhigeren Vorgänger, bewegen sich die elf Songs auf "Future Shine" irgendwo zwischen Bombay Bicycle Club und Twenty One Pilots. "Play Along" heißt eine der ausgekoppelten Singles. Yes!!

"Johnny Cash, schau oba", war der Kommentar eines Freundes, als ich ihn, der mit mir musikalisch meist im Gleichklang ist, auf die Stimme von Avi Kaplan und auf dessen Album "Floating On A Dream" hinwies. Und recht hat er, der Freund: Der Bassbariton des 33-jährigen Amerikaners klingt ähnlich tief und sonor vibrierend wie weiland bei Cash, sodass ein Glastisch, steht er nicht fest am Boden, gleich in voller Resonanz mitschwingt.

Kaplan, bis 2017 Mitglied der erfolgreichen A-cappella-Band Pentatonix, setzt von jeher auf die Verführungskraft seiner Stimme. Auf seinem nunmehrigen Solodebüt, großteils in Nashville eingespielt, gibt es zwar instrumentale Begleitung und breitflächige Arrangements, aber allesamt nur, um dieses mächtige Organ, das - ohne jegliches Tuning aufgenommen - mit sich selbst in Echo tritt, auf seinem vokalen Weg und Fluss, einem wahren Mainstream, zu unterstützen. Einmal, auf "He Don’t Love You Right", wagt sich Kaplan ins höhere Fach, fast schon ins Falsett, aber zumeist bleibt er in seiner angestammten unteren Region - und setzt dort dunkel schimmernde Glanzlichter, wie ich sie so rein und klar seit langem nicht mehr gehört habe. Der Titelsong, "I'm Only Getting Started" und das in mehrstimmiger Harmoniepracht solemn ausklingende "My Queen" sind von ergreifender Schönheit. Der Mann heißt nicht von ungefähr Kaplan, hat seine feierliche Stimmvervielfältigung doch auch etwas von pfingstwunderlicher Entrückung an sich.

Und damit von Avi zu Ari, nämlich zu Ari Oehl, der bei mir auch für wunderliche Verzückung sorgt und dessen Stimme - Pardon, schon wieder eine Namensanspielung - wie besagte Flüssigkeit runtergeht. Im Grunde kann Ari, eigentlich Ariel Oehl singen, was er will, gern auch immer dasselbe, und schon hat er mich. Und in gewisser Weise singt er immer wieder dasselbe - so auch auf dem nunmehr vorliegenden zweiten Oehl-Album, "Keine Blumen", das der gebürtige Salzburger diesmal ohne seinen einstigen Kompagnon, den Isländer Hjörtur Hjörleifsson, eingespielt hat (dafür hilft u.a. Sophie Lindinger von Leyya/My Ugly Clementine dezent aus).

Es ist dieser gleichmäßig dahinfließende, ein bisschen mundfaule, weitgehend konsonantenlose Gesang, mit dem Ariel Oehl zu verzaubern weiß. Der deutsche Rapper Casper und Herbert Grönemeyer (auf dessen Label Grönland auch beide Oehl-Platten erscheinen) sind ihm einst ebenfalls sogleich verfallen. Auch wenn es bisweilen wie fideles Raunzen klingen mag (kein Wunder, dass "Gröne" das mag!) und Ari hauptsächlich von Trauer, Sehnsucht und Vergänglichkeit singt, so wohnt dem Ganzen doch auch ein Übermaß an Leichtigkeit und Schönheit inne. Es ist daher nur würdig und recht, dass in Oehls schmachtendem Lyrizismus Goethe zu (Zitat-)Ehren kommt: "Denn über allen Dächern ist Ruh" heißt es in "Ruh", einem der 14 neuen Songs, die ohne Höhepunkte (und ohne Schwachstellen) in einem dem Weimarer Klassiker entsprechenden metrischen und harmonischen Gleichmaß an einem vorbeiziehen.

"Das ganze Album ist eine Entschuldigung an meinen Sohn, dass ich ihm nicht diese unversehrte Welt anbieten kann, die ich gerne würde", verlautet Ariel Oehl. Entschuldigung angenommen - und vielleicht ist es ja das Kinder- und Wiegenliedhafte an diesen, in mäßigem, aber doch beschwingtem Tempo dahinfedernden Songs, das einen so ans (kindliche) Herz fasst. "Bitte keine Blumen mehr", heißt es im letzten, sehr sehr traurigen Lied. Nützt nichts, von mir bekommt er welche.

(Live spielt Oehl am 29. 9. im Wiener WUK.)