Was ist heutzutage eigentlich Indie? Eines steht fest: Dass sich Indie vom Mainstream in Produktion, Intention und Materialästhetik auch heute noch unterscheidet ist Wunschdenken. Waren dies die wesentlichen Merkmale im vorigen Jahrhundert, so ist Indie heute längst mit dem Mainstream verschmolzen. "Indiestream" nannte der 2010 verstorbene deutsche Autor und Verleger Martin Büsser daher dieses Gemisch: Noch nicht ganz dem "Deppenradio-Konsens" untergeordnet, haftet ihnen ihm zufolge aber nach wie vor ein Hauch von Außenseitertum an, das jedoch längst zu einer Art löchrigen Trennwand geworden ist, die jegliche Qualitätsmerkmal der früheren alternativen Musik verloren haben und der Mehrheit angepasste Musik produzieren.

David gegen Goliath, Gemälde des deutschen Malers Gebhard Fugel. - © Wikicommons
David gegen Goliath, Gemälde des deutschen Malers Gebhard Fugel. - © Wikicommons

Ähnlich argumentiert auch der deutsche Konzertveranstalter und Autor Berthold Seliger. "Die Grenzen zwischen Majors und Indie sind längst durchlässig und fließend." Für ihn ist es eher ein historisch–sentimentaler Grund, dass Bands wie The National, The XX oder Queens Of The Stone Age weiterhin zu Indie gezählt werden, obwohl sie schon längst bei Major-Labels unter Vertrag stehen. Die Assoziation von "Indie" als sympathische Davids, "die im Mahlstrom der internationalen Musikindustrie die kulturelle Qualität und Vielfalt garantieren, ist nicht viel mehr als ein Marketing-Trick. Den Indies geht es wie den Majors um den bestmöglichen Deal, um den höchstmöglichen Profit. Es geht ums liebe Geld, nicht mehr, nicht weniger", schreibt er in einem aktuellen Artikel über "Youtube versus Indies". (Link siehe Kasten rechts.)


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Impala

Popfest Wien

Website Berthold Seliger
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Stein des Anstoßes für seinen Artikel ist die Berichterstattung rund um den Plan von Google-Ableger Youtube, wie Spotify einen Streaming-Dienst anzubieten. Labels, die nicht daran teilnehmen wollen, sollen von der Video-Plattform verbannt werden. Dagegen laufen nun einige Verbände von Plattenfirmen, allen voran der europäische Independent-Verlag Impala (Link siehe Kasten rechts), an. Sie sehen sich gerne als die Indie-Davids, die gegen die Musik-Goliaths ankämpfen. Und sie kritisieren, dass die Majors von Google bevorzugt behandelt worden wären, fasst Seliger die Vorwürfe zusammen. Doch diese sogenannten Indie-Verbände haben ihm zufolge in den Verhandlungen eigentlich nichts zu sagen, da die Vertreter von Google meist direkt mit den Plattenfirmen verhandeln. Und dass rund 95 Prozent von diesen zugesagt haben, darunter nicht nur die Majors sondern eben auch kleine Indie-Labels, spreche wohl auch eher dafür, dass die Bedingungen nicht die schlechtesten sein werden, schreibt er weiter.

So berichtete auch das Billboard-Magazin (Link siehe Kasten rechts), dass Youtube den Rechteinhabern 65,5 Prozent seines Umsatzes – davon 55 Prozent für die Plattenfirmen und fünf Prozent für Verwertungsgesellschaften und Verlage, zugesichert hat – egal ob Indie oder Major. Und auch von Sperre könne keine Rede sein, wenn sich Labels nicht auf Verträge einigen können. Alles also nicht so einfach schwarz und weiß, wie oft dargestellt. Vor allem auch vor dem Hintergrund der Frage, was Indie heutzutage eigentlich noch bedeutet. (cra)

Mehr zu dem Thema "Streaming", "digitaler Musikmarkt" und "Copyrights" wird man sicherlich auch am Wiener Popfest am hören können, da spricht Robert Rotifer mit Berthold Seliger. Am Sonntag, dem 25.Juli, 15 Uhr im Wien Museum: "Pop korrupt: Das Ende vom Geschäft mit der Musik. Robert Rotifer im Gespräch mit Berthold Seliger"

Siehe auch das Interview mit Berthold Seliger: "Weltzustimmungsmusik für Millionen"

Und als Beispiel eine Band, die einmal Indie war: Pixies.