Das Cover der Single "Jesahel" von Delirium. - © Wiener Zeitung / FC
Das Cover der Single "Jesahel" von Delirium. - © Wiener Zeitung / FC

Sommer, Sonne und der Wörthersee: Anno 1972 war die Welt noch heil oder zumindest versuchen wir, es uns einzureden. Aktuelle Hits hörte man damals im Radio oder in Lokalen dank der omnipräsenten Wurlitzer. Also ab ins Café und rein mit den Münzen. Und nach der entsprechenden Auswahl durften sich alle Anwesenden den Song anhören, ganz gleich ob er ihnen gefiel oder nicht. Ein Hit des Jahres war "Jesahel" der italienischen Band Delirium. Die Single erwarb ich bei einem Plattenflohmarkt in den 80er Jahren. Auf der Rückseite ist der Stempel des Vorbesitzers: "Josef Politzky - Konditorei - Cafe - Bar" aus Velden am Wörthersee.

Der Song hat eine durchaus spannende Geschichte, die bis ins aktuelle Jahrzehnt reicht. Geschrieben wurde "Jesahel" von Ivano Fossati und Oscar Prudente um das Jahr 1970. Die beiden trafen sich eines Abends in einem Genueser Lokal und Prudente ersuchte den 18-jährigen Fossati, einen Text zu einer Melodie zu schreiben. Nach einigem Zögern ließ sich Fossati überreden, wie er später in seiner Autobiografie erzählt. Es war der erste Text, den er zu einem Song schrieb. Später sollten viele mehr folgen (und nicht nur Texte, sondern auch Melodien) und solo bzw. gemeinsam mit Prudente gelangen Hits für Patty Pravo, Mia Martini, Anna Oxa und viele mehr.

Doch zurück ins Jahr 1972. Fossati war damals bei einer Band untergekommen, die sich Delirium nannte und einem Stil frönte, den man damals als Prog Rock bezeichnete. Nachdem man noch einen Song für eine Langspielplatte suchte, schlug der Genueser "Jesahel" vor und mit diesem Song ging man auch kurzfristig zum Festival von Sanremo. Dort schrieb man ein Stück Musikgeschichte.

Zu Hause schlafen

Dessen war sich der junge Künstler allerdings nicht bewusst. Wichtig war für ihn nur eines: Er konnte nach dem Auftritt zu Hause schlafen, schließlich ist die Distanz zwischen Sanremo und Genua nicht groß. In Sanremo erhielt die Band den Kritikerpreis, wurde letztendlich aber nur Sechste. Doch das italienische Publikum sah es anders und katapultierte die Single in den darauf folgenden Wochen an die Spitze der Hitparade. Über eine Million Platten wurden alleine in Italien verkauft. Der Erfolg schwappte auch über die Landesgrenzen. Weltweit wurden Coverversionen des Liedes produziert, sogar in Vietnam. In Deutschland sang die Schlagersängerin Daisy Door ihre Version des Liedes.

Noch größer war der Erfolg in Frankreich. Dort gab es nicht nur gesungene Versionen, etwa die Soul-Variante von Joël Daydé oder die Pop-Variante der Chanson-Sängerin Nicoletta, sondern auch eine dynamische Orchesterversion von Paul Mauriat.

Und auch in Großbritannien fanden sich Künstler, die den Song sangen. The English Congregation landete damit (abgeschlagen) in den Charts, Shirley Bassey fügte den Song mit dem abgeänderten Namen "Jezahel" ihrem Album "And I Love You So" hinzu.

Wiederentdeckung im HipHop-Kleid

Jahrzehnte später wurde der Song wiederentdeckt. Italienische und griechische DJs brachten neue Varianten heraus. Doch wirklich erfolgreich wurde der Song in abgewandelter Form. Public Enemy hatten 2007 die Shirley-Bassey-Version einfach als musikalischen Hintergrund für den Song "Harder Than You Think" verwendet. 2012 wurde der Song in Großbritannien vom TV-Sender Channel 4 als Leitmotiv der Paralympics verwendet. Und der Song landete dadurch an vierter Stelle der britischen Charts. Es war der erste Top-Ten-Hit der amerikanischen Hip-Hop-Band im Königreich.