Wien. Unterschiedliche Abenteuer und endlose Gespräche mit vielen Einheimischen haben den Reisenden Stephan Ort ein Bild davon machen lassen, wie man in China selbst den beispiellosen Aufstieg des Landes erlebt. Seine Eindrücke schildert er in seinem neuen Buch "Couchsurfing in China". Der "Wiener Zeitung" hat er von tiefgründigen Wahrheiten im Reich der Mitte erzählt.

"Wiener Zeitung": Sie waren schon öfter in China. Nun haben Sie quasi einen Livebericht aus den Wohnzimmern der Supermacht geschrieben. Sie äußern sich zwischen den Zeilen durchaus kritisch über das Land - könnte das mitunter einen gewissen Einfluss auf Ihre nächsten China-Reisen haben?


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Stephan Orth
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Stefan Orth: Auf jeden Fall. Ich werde nach der Veröffentlichung des Buches für einige Jahre nicht nach China reisen, vermutlich würde ich sowieso kein Visum bekommen. Chinesische Außenämter schauen genau hin, was deutschsprachige Journalisten über China schreiben.

Stephan Orth Jahrgang 1979, ist Buchautor, Reporter und Couchsurfer. Zuletzt war er für drei Monate in China. - © Rikkard.com
Stephan Orth Jahrgang 1979, ist Buchautor, Reporter und Couchsurfer. Zuletzt war er für drei Monate in China. - © Rikkard.com

Gefühlt bewegen Sie sich auf Ihrer dreimonatigen Reise zwischen realer und digital fiktiver Welt.

Die digitale Welt ist ein ganz wesentlicher Teil der Reise-Erfahrung, wenn man die chinesische Realität im Jahr 2019 beschreiben möchte. In kaum einem Land sind die Menschen so technikverrückt - ich habe zum Beispiel wenige Leute getroffen, die noch mit Bargeld zahlen statt mit dem Smartphone.

Ihr Ziel war es, das Land auszukundschaften und herauszufinden, wie Chinesen ticken . . .

Ich hatte den Eindruck, dass Chinesen den ständigen Wandel eher als Naturzustand akzeptieren als wir Europäer. Sie passen sich an, sind auch bereit, sich alle fünf Jahre mit einer neuen Geschäftsidee zu versuchen. Wir dagegen sind im Vergleich ein bisschen behäbig - und wünschen uns heimlich, dass trotz ein bisschen gemächlichen Fortschritts doch das meiste so bleibt, wie es ist. Und ich habe natürlich gesehen, was für ein Tempo China derzeit vorlegt. In vielen Technologiebranchen könnte das Land bald Europa übertrumpfen, die Weichen dafür sind schon gestellt. Beim Thema batteriebetriebene Autos beispielsweise ist China schon weit voraus.

China scheint ein vielschichtiges Land zu sein.

Die Realität ist eben erheblich komplexer als ein paar Tweets oder eine Nachrichtenmeldung. Man findet in China Licht und Dunkel und alle Grautöne dazwischen. Aber zumindest eine Sache dürften die Leser nach der Lektüre verstanden haben: Das Land ist in seiner wirtschaftlichen und technologischen Entwicklung weiter, als die meisten ahnen.

Sie waren auch in abgelegenen Dörfern. Dort wurde extra für Sie ein Hund zum Willkommens-Essen geschlachtet. Konnten Sie sich überwinden, mitzuessen?