Auf Jill Heinerths Rücken sind riesige, mit ungewöhnlichen Gasen gefüllte Sauerstoffflaschen geschnallt, sodass sie bis zu 20 Stunden unter Wasser bleiben kann. Einer dünnen Schnur folgend und konstant aus dem Tauchgerät atmend, ist ihr Job ein höchst gefährlicher. Jene Orte, an die sich die Kanadierin wagt, sind größtenteils noch unerforscht. Einen wirklichen Reiseführer gibt es nicht. Der "Wiener Zeitung" hat die erfahrene Unterwasserforscherin erzählt, wie ihre Arbeit im Innersten von Mutter Erde aussieht.

"Wiener Zeitung": Warum sind Sie ausgerechnet Höhlentaucherin geworden?

Jill Heinerth: Ich liebe das Element Wasser. Besonders dann, wenn mich meine Expeditionen an Plätze führen, an denen noch nie jemand war. Die Welt ist kein riesiger, massiver Felsen. Sie ist vielmehr ein Schwamm. Und ich habe das Privileg, durch viele Poren dieses Erdschwamms zu schwimmen.

Als Kind wollten Sie Astronautin werden . . .

Das stimmt. An meiner Stelle wird aber jetzt ein von meinem Team und mir entwickelter selbstschwimmender und autonomer Roboter zum Jupitermond Europa reisen, um Ozeane unter der gefrorenen Oberfläche dieses Mondes zu untersuchen.

Was finden Sie im Erdinneren?

Erstaunliche Lebensformen. Diese Tiere in den Höhlen sind identisch mit jenen Fossilien, die vor dem Aussterben der Dinosaurier lebten. So können wir die Evolution besser verstehen.

Welche Erkenntnisse gewinnen Sie?

Beispielsweise über den Klimawandel. Physiker schneiden mitgebrachte Steine aus den Höhlen auf und untersuchen diese Schichten wie Baumringe. Wir erfahren viel über das Klima im Laufe der Erdgeschichte. Beim Erforschen von Gesteinsschichten konnten wir bis hunderttausend Jahre zurückgehen. Demnach muss es auf der Erde extrem trockene Zeiten gegeben haben.

Sie arbeiten auch mit sogenannten Paläoklimatologen zusammen . . .

Ja. Diese interessieren sich für die Höhe des Meeresspiegels in der Erdgeschichte. Meine Crew und ich haben auf Bermuda die tiefsten bemannten Tauchgänge überhaupt in dieser Region unternommen. Wir waren auf der Suche nach Orten, die früher an Küsten lagen und heute Hunderte von Metern darunter liegen.

. . . und auch mit Paläontologen und Archäologen.

Zeugnisse alter Kulturen und menschliche Überreste in Höhlen in Mexiko, auf den Bahamas und auf Kuba verraten uns viel über die frühesten Bewohner dieser Regionen. Vor 15 Jahren war ich unterwegs, um die allererste exakte Unterwasser-3D-Karte zu erstellen. Dieses Gerät, mit dem ich mich durch die Höhle bewegte, zeichnete während des Tauchens ein dreidimensionales Modell auf. Mittels Niederfrequenzfunk schickten wir unsere exakte Position in der Höhle an die Oberfläche. Ich schwamm also unter Häusern und Einkaufszentren, Spielplätzen und Restaurants hindurch.