Patagonien. Juli 2019. Laut können sie werden die Roaring Forties. Und stürmisch. Der Seegang ist hoch, das Wetter unbeständig. Die Besatzung der Segelyacht "Cool Change" nützt das Phänomen der Brüllenden Vierziger, der Westwindzone zwischen 40 Grad und 50 Grad südlicher Breite, um voranzukommen. Zwischendurch haben zwei der etwas anderen Segler Zeit für ein Interview mit der "Wiener Zeitung" gefunden.

"Wiener Zeitung": Wohin seid Ihr unterwegs?

Brandon Savory: Wir peilen das südamerikanische Patagonien an. Hinter uns liegen die Stürme in der Karibik am Höhepunkt der Hurrikan-Saison und die schlagenden Passatwinde vor der Nordküste von Guyana. Ich glaube, dass es die Götter gut mit uns meinen. Diese Meilen auf hoher See sind die bisher verdientesten und härtesten unser Segelkarrieren gewesen.

Wie steht es um die Crew?

Savory: Uns geht es gut. Mittlerweile ist neben unserem Hund Captain Peanut, der eigentlich der beste Teil unserer Reise ist, auch einer seiner Brüder an Bord: Chonchito, wir haben ihn in Suriname gefunden. Und eine kleine Katze, Para, die uns im brasilianischen Amazonas begegnet ist. Severin hat uns verlassen, er ist mittlerweile Biobauer in Deutschland geworden. Und natürlich Scottsman, der von Anfang an dabei ist.

Scott Gallyon: Eigentlich heiße ich Scott, aber man nennt mich immer Scottsman. Brandon ist unter dem Namen Captain Barbosa bekannt. Das liegt vor allem an seinem schönen rotblonden Bart.

Sie sind ja schon länger als Kerncrew gemeinsam unterwegs . . .

Gallyon: Aufgebrochen sind wir am 31. Dezember 2015 in Fort Lauderdale, Florida. Wir sind 50.000 nautische Meilen gesegelt, haben 16 Länder bereist, darunter Belize, Guatemala, Honduras, Dominica, St. Lucia, die Grenadinen, Grenada, Suriname, Französisch-Guyana und den Amazonas.

Was treibt Sie voran?

Savory: An einem Punkt dieses nun mehrjährigen Abenteuers haben wir entdeckt, dass, egal wie wir an Bord aufgestellt sind, unsere Ambitionen immer die gleichen bleiben. Wir sind hier draußen, um uns auszutesten, zu wachsen und zu lernen. Wir wühlen in dieser Welt nach Geschichten, die das Leben schreibt, weil dem Lebensplan und der Fantasie jedes einzelnen ein besonderer Platz zukommt. Unser innerer Kompass führt uns dorthin, wo es mysteriös, exotisch und verführerisch ist, gesäumt von den Grenzen unserer Ängste.

Gallyon: Wir sind gezwungen, weiterzusegeln, um uns kennenzulernen, und indem wir das machen, wird unser Leben komplett. Wir suchen nach Ganzheit, die unsere Brust erfüllt, weil manchmal in einem Atemzug eine Leere herrscht, die danach schreit, gefüllt zu werden. Man muss sich vorstellen, dass man beim Segeln völlig selbständig und unabhängig reist. Wir nützen nur die Natur, also die Energie des Windes, um voranzukommen, und gleichzeitig treten wir mit Menschen, Plätzen und Elementen in Verbindung. Fernab von gut besuchten Touristengegenden, zieht uns das "noch" Unberührte, das "noch" Ursprüngliche an. Und: Wir lassen uns Zeit damit, Teil der Landschaft zu werden. Manchmal bleiben wir einen Tag, dann wieder eine Woche, aus der dann ein ganzer Monat wird. Wir praktizieren eine lebensverändernde Expedition.