Die Zeiten ändern sich aber.

Auch in China ist vieles im Umbruch. Nehmen wir das Beispiel Nahrung: China ist momentan der größte wachsende Markt für vegane und vegetarische Nahrung. Bisher blieb man dem Prinzip treu im Sinne von "Wir essen das nicht, was hier gerade nicht wächst. Daher importieren wir auch dieses oder jenes nicht." Seit es jedoch McDonalds in China gibt, trinkt man Milkshakes. Und das verändert: Die kleinen, zarten Chinesen wachsen in die Breite. Ich sehe die Gefahr des Identitätsverlusts.

Einhergehend mit der Globalisierung.

Die Leute wissen nicht mehr, wer sie eigentlich sind. Besonders deutlich sehe ich das als Vielreisender. Wenn ich in China bin, esse ich so wie die Chinesen. Deshalb fahre ich dorthin. Auch um zu verstehen, wie sich gewisse Dinge entwickelt haben. Wir finden es komisch, dass man in China Ratten aß. Warum denn? Weil man früher nichts anderes hatte und es notwendig war, zu überleben. Und ein totes Tier ist ein totes Tier, ob es Kuh, Ratte oder Ente heißt.

Sie bezeichnen sich als "Mittler zwischen den Welten". Warum denn?

Mich interessiert grundsätzlich an einem Menschen, woher er kommt und wie ihn das prägt. Die Asiaten sehen mich als einen der ihren. Auch wenn ich anders aussehe. Jian Wang, der österreichisch-chinesische Kulturmanager, der mich 1996 zum ersten Mal ins Shaolin-Kloster gebracht hat, wo ich über ein Jahr verbracht habe, hat einmal zu mir gesagt: "Du bist ein Europäer mit einem asiatischen Geist". Es hat mich geehrt, das von einem Chinesen zu hören. Im Grunde kann ich daher sagen: Ich bin Europäer, weil ich kein Asiate bin. Die Lebenswirklichkeiten dort und hier unterscheiden sich enorm.

Wie definieren Sie Lebenswirklichkeit?

Vielen Menschen leben unter Umständen, die wir uns gar nicht vorstellen können und noch dazu sind sie dabei glücklich. Wir glauben ja immer, so wie wir leben, ist das einzig Mögliche. Noch dazu wollen wir anderen unsere Lebenswirklichkeit aufdrängen. Das ist schlimm.

Zu Ihren Büchern: Die Auflage liegt bei rund einer Million. Wie erklären Sie sich das?

Ich gebe mir Mühe. In erster Linie will ich die Zeit anderer Menschen nicht verschwenden. Ich versuche, so zu schreiben, dass es kompakt ist. Ich gebe das jahrtausendalte Wissen der Shaolin-Mönche weiter, damit es die Leser im eigenen Leben anwenden können. Was mich auszeichnet, ist, dass ich im Zen gelernt habe, Fragen zu stellen, und nicht nur Antworten zu geben. Ich erkläre außerdem, warum die Dinge so sind, wie sie sind. Warum manches berechenbar ist und wie das funktioniert. Aber auch wie man Menschen helfen kann, aus dieser Berechenbarkeit auszubrechen.