Wien. Helge Timmerberg bereiste fast alle Teile der Welt, war lange einer, der "Unterwegs als sein Zuhause" bezeichnete. Jetzt hat er mit der Idee der "Wiener Flaschengeister" mehr als nur eine Geschäftsidee geboren. Was er an Wien schätzt, was ihn antreibt und worin er sein Glück gefunden hat, erzählt er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" an einem passenden Ort, im ersten Wiener Kaffeehaus "Daniel Moser", das es immerhin schon seit 1685 gibt.

"Wiener Zeitung": Ist Wien für Sie, der viel gereist ist, mitunter etwas "eng"?


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Wiener Flaschengeister
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Helge Timmerberg: Warum? Ich habe in Wien nie das Gefühl, dass es eng wird. Weder räumlich noch geistig. Es ist keine Spießerstadt. Im Gegenteil. Wien ist eine der letzten deutschsprachigen Oasen des politisch Unkorrekten. Deshalb ist diese Stadt die Heimat meiner Kultur. Fast alles, was ich brauche, finde ich hier. Guten Kaffee, guten Schmäh, sehr gute Gastronomie, gute Psychologen. Jeder Wiener ist einer. Und: Wien ist ein gefährlicher Platz zum Absacken.

Wien ist also so etwas wie eine Heimat für Sie geworden?

Ich habe mehrere Heimaten. Das war immer so. Jahrzehntelang tingelte ich zwischen St. Gallen, Marrakesch und Wien hin und her. Jetzt habe ich Marrakesch aufgegeben. Aber dieses uralte Wienerhaus in der Sonnenfelsgasse 3 sieht eh ziemlich marokkanisch aus. Man hat mir darin eine Schreibstube zur Verfügung gestellt, die ich immer nutzen kann, wenn ich in Wien bin. Gehen Sie mal da in den Hinterhof und Sie werden glauben, gleich singt der Muezzin.

Denken Sie noch ans Reisen, zieht es Sie nicht raus in die Welt?

Das Reisen gebe ich erst auf, wenn die Krücken brechen. Ich habe grad mein neues Buch fertig geschrieben und lass jetzt die Dinge ein bisschen in der Schweiz und im Schnee sacken. Im Frühling geht’s wieder los. Ich weiß nur noch nicht genau, wohin. Aber wer weiß das schon.

Man hat Sie als oftmals als Skandalreporter bezeichnet, im deutschsprachigen Raum als Vertreter des Gonzo-Journalismus. Wie definieren Sie sich?

Ich volontierte bei einer Tageszeitung, war einige Jahre Lokaljournalist, auch in der Provinz, landete beim "Stern" und las Anfang der 80er Jahre "Angst und Schrecken in Las Vegas" von Hunter S. Thompson. Es war ursprünglich nicht als Buch, sondern als Reportagen-Serie für den "Rolling Stone" geschrieben. Es war Journalismus. Aber was für einer? So etwas hatte ich noch nie vorher gelesen. Der Reporter berichtet nicht nur über das Thema, sondern auch über sich, wie er an das Thema rangeht und was es mit ihm macht, ob er es liebt oder hasst und welche Drogen er dabei nimmt. Extrem subjektiv und ziemlich ehrlich. Für unsere Branche war es eine Revolution und natürlich begann sie in den USA. Und ich hatte das Glück, in Deutschland der Erste zu sein, der den "New Journalism" aufgriff. Und Gott ist mit den Pionieren. Auf Skandale hatte ich es dabei nie abgesehen, aber allein so zu schreiben war anfangs schon ein Skandal. Später wurde es normal.

Wo orten Sie die Zukunft im Journalismus?

Um Online-Journalismus zu betreiben, fehlt mir ehrlich gesagt das Wissen. Ich schätze die Online-Medien sehr, wenn es darum geht, Nachrichten zu lesen. Denn in der Zeitung ist das Heute schon Gestern. Aber Magazine ja - und vor allem Bücher, die halte ich gerne in der Hand, um umzublättern. Ich bin ein alter Papiertiger geblieben.

Sie haben in 15 Jahren 13 Bücher geschrieben.

Drei weitere liegen noch auf der Festplatte. Ich bin relativ erfolgreich, habe aber noch nie ein Buch geschrieben, das mich für den Rest meines Lebens finanziert. Dass ich das bedauere, ist möglicherweise eine Fehleinschätzung der Lage. Mir tut Arbeit gut.

Was bedeutet Schreiben für Sie? Schreiben ist für mich das Härteste, das es gibt. Das Reinkommen ist eine Tortur. Aber wenn ich in dem Fluss bin, ist es das Schönste auf Erden für mich.

Woran arbeiten Sie gerade?

Im April erscheint mein Buch "Die rote Olivetti" im Piper Verlag. Hier verhandle ich meinen Weg als Journalist. Wie immer ein Sachbuch, das wie ein Roman geschrieben ist. Ich kann da nicht anders. Oder vielleicht doch? Eines meiner Zukunftsprojekte ist ein lupenreiner Roman über die "Wiener Flaschengeister."

Im Haus in der Sonnenfelsgasse 3 fing alles an ...

Das Haus ist fast 1000 Jahre alt, die Grundmauern sind aus dem 11. Jahrhundert. Dort fielen mir die Geister ein. Oder soll ich sagen, dass sie mich überfielen? Der erste war Efac - der Geist gegen das vorschnelle Wort. Ein wichtiger Geist, denn vorschnelle Wörter, auch vorschnelle Versprechen, richten jede Menge großes und kleines Unheil an.

Was können denn die Geister und wer hat schon welche ausprobiert?

Was sie können und wie sie es tun und woher sie kommen und warum sie in der Flasche sind und wie lange nun schon, das steht alles auf den Beipackzetteln. Im Grunde wird auf jedem ein Märchen erzählt. Und was Märchen können, ist bekannt. Die Kopplung des Märchens mit einem Fläschchen verstärkt die Wirkung. Sie manifestiert den Geist. Man kann ihn anfassen, obwohl man ihn nicht sieht.

Aber natürlich ist das Ganze auch ein großer Spaß. Ich wollte mal neue Medien ausprobieren. Literatur auf Beipackzetteln hatte mich gereizt. Dabei kam Nützliches heraus. Neben Efac haben wir den Geist gegen die Fehleinschätzung der Lage, den Geist gegen unnötiges Bremsen im Geschlechtsverkehr, Straßenverkehr und Geschäftsverkehr, den Geist gegen die Angst vor Alkoholgenuss unter Antibiotika-Einfluss, und so weiter und so fort, sieben Geister insgesamt. Ich persönlich brauche Nestre Mi am dringendsten, den Geist für die ungestörte Lesung, denn ich gehe grad auf Tour.

Geisterjäger, Geisterhändler - ich denke hier an Goethes: "Die Geister, die ich rief... werde ich nicht mehr los...".

Ich will sie ja gar nicht mehr loswerden. Sind doch Super-Geister. Allein unser Redigür, der Geist gegen die Angst vor der Drittfrau, den kann man doch immer gebrauchen, oder nicht?

Was treibt Sie an?

Geister - Benzin.

Wiener Flaschengeister kann man Online unter wiener.flaschengeister.at (mit kostenloser Zustellung) kaufen, oder im "Schop im Ersten" wie auch im "Lia Wolf Cabinett", beides Sonnenfelsgasse 3, sowie in der Gumpendorferstraße in der "Saint Charles Apotheke", im "Phil" und im "Vienna to go" Linke Wienzeile.