Thomas A. Bauer: "Was ich vermittle, lebe ich". - © Bauer
Thomas A. Bauer: "Was ich vermittle, lebe ich". - © Bauer

"Wiener Zeitung": Wie charakterisieren Sie sich selbst?

"Thomas Bauer": Als Grenzgänger. Es ist mein Versuch, genügend aufzunehmen, um die Unterschiedlichkeit der Lebenswelten zu verstehen. Jede Vorstellung ist veränderbar. Es muss ja nicht sein wie es ist. Das heißt auch, dass man Einsichten abgeben muss, um unterscheiden zu lernen, was einem wichtig und was nicht wichtig ist. Das gilt auch für den Augenblick, für den Moment selbst. Vermutlich muss man erkennen, dass man erst Aufmerksamkeit bekommt, wenn man sie selber anderen schenkt.

Worin liegt denn der Wert Ihres Grenzgängertums?

Man muss an die Grenze zu gehen, um das andere zu sehen. Das eine lebt vom anderen. Theoretisch formuliert: Man kann zwei Seiten sehen, der Wert der einen Seite hängt davon ab, wie man die andere sieht. Hat etwas zwei Seiten, dann stehen sie in einem dialektischen Verhältnis zueinander. Am Ende von Gedankengängen kann dies bedeuten, dass auch das Gegenteil möglich wäre.

Sie galten als besonders beliebter Vortragender an der Universität, was fanden Studenten denn immer so toll an Ihnen?

Konkret: Ich habe mich immer bemüht, meine Lehrveranstaltungen international auszurichten. Und ich pflege einen unkonventionellen Umgang mit Studierenden. Im Zuge der Betreuung von Diplomarbeiten und Dissertationen treffe ich so viele Leute, die die Dinge anders sehen als ich. So ergibt sich die Möglichkeit, viel Material des Wissens unterschiedlich zu vernetzen und verstehen zu lernen.

Lässt sich dieses kategorisieren?

Ja, auf einer existentiellen Ebene der Deutung von Wissen: Es mag die Bestimmung des Menschen sein, unbestimmt zu sein. In diesem Rahmen ist es der Wert des Wissens sich vom Gegenteil überraschen zu lassen. Realität ist eine kommunikative Bestimmung – ein Statement, das natürlich mehr Fragen auslöst, als es Antworten gibt.

Was hat das mit Wissen zu tun? Schließlich werden an den Universitäten Wissenschaften gelehrt.

Wissen ist ein Modell von alltäglichem Verstehen, mit dem neues Wissen generiert werden kann. Als Wissenschaft bezeichne ich die systemische Organisation des Verstehens und Austauschens von Wissen. Schließlich lassen sich Lebenspraxis und Wissenschaft nicht auseinander dividieren. Die Grenze, die wir gerne zwischen beiden vermuten, ist eigentlich deren Verbindungslinie.