Dr. Heiner Boberski ist Redakter der "Wiener Zeitung" und mehrfacher Buchautor
Dr. Heiner Boberski ist Redakter der "Wiener Zeitung" und mehrfacher Buchautor

Deutschland bekommt einen neuen Bundespräsidenten. Nach einem kurzen parteipolitischen Gerangel (das in einer ähnlichen Situation in Österreich vermutlich länger gedauert und ein weniger zufrieden stellendes Ergebnis gebracht hätte) machte der Bürgerrechtler Joachim Gauck, ein ehemaliger evangelischer Pastor, das Rennen - letztlich mit Zustimmung der evangelischen Pfarrerstochter Angela Merkel, die seinerzeit in der DDR mit Gauck in der Sehnsucht nach Freiheit verbunden war.

Sofort wurde auch darüber diskutiert, ob für ein solches Amt nun wieder eher Menschen mit religiösem Hintergrund gefragt sind. Schließlich waren neben Gauck auch die früheren Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschlands, Margot Käßmann und Wolfgang Huber, sowie die als engagierte Protestantin bekannte Grünen-Abgeordnete Katrin Göring-Eckardt als mögliche Kandidaten genannt worden. Dass kaum Katholiken im Gespräch waren - der gerade zurückgetretene Christian Wulff war übrigens erst der zweite katholische deutsche Bundespräsident, während etwa Richard von Weizsäcker oder Johannes Rau Funktionen in der evangelischen Kirche innehatten -, werfe, so der frühere CDU-Generalsekretär Heiner Geißler "schon ein Licht auf die zunehmende Bedeutungslosigkeit des politischen Katholizismus".

Der politische Katholizismus der Zwischenkriegszeit, als Geistliche - wie in Österreich zum Beispiel Prälat Ignaz Seipel - höchste politische Ämter bekleideten, ist zum Glück überwunden. Das Faktum, dass es kaum noch katholische Laien zu geben scheint, die sowohl in der Politik als auch in ihrer Kirche aktiv sein wollen, wirft aber schon die Frage auf, ob sich die Katholiken noch ihrer Weltverantwortung bewusst sind oder, und das nicht erst, seit Papst Benedikt XVI. auf seiner Deutschland-Reise seiner römisch- katholischen Kirche "Entweltlichung" empfohlen hat, Glaube und Politik heute lieber säuberlich trennen. Schließlich waren gerade die Gründerväter der heutigen Europäischen Union, der Deutsche Konrad Adenauer, der Franzose Robert Schuman und der Italiener Alcide de Gasperi, Männer, die mit ihrem katholischen Glaubensbekenntnis nicht hinter dem Berg hielten.

Als prononcierte Katholiken sind in Deutschland derzeit weniger CDU-Politiker, sondern vielmehr der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg Winfried Kretschmann, der sogar dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken angehört, und SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles bekannt. Die inzwischen verstorbene, in ihrer Kirche sehr engagierte katholische CDU-Politikerin Hanna-Renate Laurien (sie stammte aus einem protestantischen Haus, ihre Schwester wurde Pastorin) musste wie manch anderer erleben, dass die katholische Kirchenleitung etliche Aktivitäten ihrer Schäflein (Laurien nahm im Verein "Donum vitae" zur Schwangerenberatung eine differenziertere Haltung als die Bischöfe ein) gar nicht schätzt.