Dr. Heiner Boberski ist Redakteur der "Wiener Zeitung" und mehrfacher Buchautor.
Dr. Heiner Boberski ist Redakteur der "Wiener Zeitung" und mehrfacher Buchautor.

Wie wir vom alttestamentarischen Prediger Kohelet wissen, gibt es für alles eine Zeit - eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden. Nach dem christlichen Kalender ist jetzt, seit dem Aschermittwoch am 22. Februar, die Zeit zum Fasten. Sie dauert bis Ostern, soll daran erinnern, dass Jesus Christus vor seinem öffentlichen Auftreten 40 Tage in der Wüste gefastet hat, und eine Periode des Verzichts, der Einkehr und der Buße sein.

Der aus dem Althochdeutschen kommende Begriff Fasten bedeutet Festhalten (jeder Flugzeugpassagier weiß, dass mit "Fasten seat belts" das Angurten gemeint ist), und zwar an den Geboten der Enthaltsamkeit. Dahinter steht der vor allem religiös motivierte freiwillige Verzicht auf Speisen, Getränke und Genussmittel. Nicht nur das Christentum empfiehlt zu bestimmten Zeiten das Fasten - es gehört auch zu den fünf Säulen des Islam, in dem der Fastenmonat Ramadan große Bedeutung hat. Von den christlichen Konfessionen bewerten traditionell Katholiken und Orthodoxe das Fasten besonders hoch, auch wenn sich die Regeln im Lauf der Zeit geändert und gelockert haben.

In der römisch-katholischen Kirche galt zum Beispiel bis in die Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) die Vorschrift, am Freitag kein Fleisch zu essen, was dazu führte, dass an diesem Tag vorwiegend Fisch auf den Tisch kam. Das Freitagfasten wurde keineswegs abgeschafft, kann aber jetzt durch eine andere Art des Verzichts praktiziert werden, was den nicht unbegründeten Verdacht nährt, dass sich nur noch eine Minderheit der Katholiken daran hält.

Im Mittelalter wurde auch vor Weihnachten, ab dem Martinsfest am 11. November, 40 Tage gefastet, später noch im Advent oder zumindest am Heiligen Abend bis zum Beginn der Weihnachtsfeier. Heute sind Katholiken - im Alter von 16 bis 60 Jahren - nur noch der Aschermittwoch und der Karfreitag als strenge Fasttage vorgeschrieben. Am diesen Tagen dürfen sie kein Fleisch konsumieren und sich nur einmal sättigen sowie noch ein kleine Stärkung zu sich nehmen. In den orthodoxen und orientalischen Kirchen gelten noch strengere Fastenregeln, wobei häufig nicht nur die Abstinenz von Fleisch und Fisch, sondern auch von Milchprodukten, Alkohol und Olivenöl geboten ist.

Wer heute im Sinn von Nahrungsverzicht fastet, hat freilich häufig nichts Religiöses mehr im Schilde, sondern seine Gesundheit oder Attraktivität. Die Kalorienreduktion beruht dann auf der durchaus anerkennenswerten Absicht, dem Erkrankungsrisiko durch Übergewicht den Kampf anzusagen, sich etwas eleganter durch die Welt zu bewegen oder schlicht und einfach wieder in zu eng gewordene Kleidung wieder hineinzupassen. Experten lassen uns freilich glaubwürdig wissen, dass sich dieser gewünschte Effekt nur dann nachhaltig einstellt, wenn man nicht nur periodisch fastet, sondern seine Ernährung und Bewegungspraxis dauerhaft ändert.