Dass vermehrte Übertritte von Anglikanern zur römisch-katholischen Kirche - kürzlich tat dies ein englischer Pfarrer mit dem Großteil seiner Gemeinde -, zu "Belastungen" führen können, ist dem vatikanischen "Ökumene-Kardinal" Kurt Koch bewusst. Rom will den Dialog mit den Anglikanern aber weiter führen. Der Chef des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen wehrt sich deutlich gegen den Vorwurf des wie er aus der Schweiz stammenden Theologen Hans Küng, Rom wolle bei den Anglikanern "im Trüben" fischen. Doch es hat die Tore für Angehörige dieser Kirche, die mit bestimmten dortigen Entwicklungen - wie zum Beispiel der Priesterweihe von Frauen - nicht einverstanden sind, weit aufgemacht. Kochs Aussage dazu: "Da geht es nicht um Fische, die noch im Wasser sind, sondern die schon außerhalb des Wassers liegen."

Während am 16. April Papst Benedikt XVI. in der Vatikanstadt nur mit 120 ausgewählten Gästen, vorwiegend aus seiner Heimat Bayern, seinen 85. Geburtstag feierte, wurde in den Büros der Kirchenzentrale normal gearbeitet. Eine im Hinblick auf das heurige - zum 50-Jahr-Jubiläum des Zweiten Vatikanischen Konzils vom Papst ausgerufene - "Jahr des Glaubens" aus Österreich nach Rom gereiste Journalistengruppe wurde in Kochs Kurienbehörde empfangen. Diese war 1960 im Vorfeld des Konzils als Sekretariat für die Einheit der Christen von Papst Johannes XXIII. gegründet worden. Seither arbeitet man mit wechselndem Erfolg an der Verbesserung der ökumenischen Beziehungen zu anderen christlichen Konfessionen im Osten und im Westen. Die bereits zweitgrößte christliche Bewegung seien, so Koch, die Pfingstler-Freikirchen oder Pentekostalen, die er aber zu einem großen Teil als antikatholisch und antiökumenisch einschätzt.

"80 Prozent aller Menschen, die aus Glaubensgründen verfolgt werden, sind Christen", sagte Koch mit besonderem Hinweis auf die unsichere Lage in Vorderasien und in Nordafrika, wo Christen vor allem der westlichen Solidarität bedürften. Grundsätzlich sieht er folgendes Problem: Die katholische Kirche hat mit den östlichen Kirchen ein breites Fundament des gemeinsamen Glaubens, aber eine andere Kultur, während sie mit den reformierten Kirchen nicht die Glaubensbasis, aber die Kultur gemeinsam hat."

Koch erklärte, die an die Adresse dieser Kirchen gegangene und dort sehr schlecht angekommene vatikanische Aussage, es handle sich bei ihnen nicht um "Kirchen im eigentlichen Sinn", bedeute, dass es sich nicht um "Kirchen im katholischen Sinn" handle, weil sie ein anderes Amtsverständnis hätten. Es bestehe die große Gefahr, dass man ein Teilziel mit dem Endziel verwechsle, wenn man rasch eine Eucharistiegemeinschaft mit diesen Kirchen anstrebe und dabei womöglich die volle Kirchengemeinschaft aus dem Auge verliere.

Kardinal Koch wird am 23. April an der Universität Wien an einer Tagung zum Ökumenismusdekret des Zweiten Vatikanischen Konzils ("Unitatis redintegratio") teilnehmen, das als Meilenstein zur Dialogbereitschaft der katholischen Kirche gilt, und an diesem Tag um 18 Uhr im Großen Festsaal der Wiener Uni einen Vortrag zu "Ökumene im Wandel" halten.

Übrigens: Wenn man sich dieser Tage in Rom umhörte, so ist dort gerade bei jüngeren Geistlichen die Freude an den anglikanischen Turbulenzen nicht nur klammheimlich, sondern sehr offen wahrnehmbar. Die Rückkehr jener Anglikaner, die beispielsweise die Frauenweihe ablehnen, wird begrüßt und als Signal gesehen, dass sich auf diesem Gebiet in der römisch-katholischen Kirche nichts ändern darf. Das wird es auch, nüchtern betrachtet, nicht. Wenn ein Papst etwas so definitiv festlegt, wie es Johannes Paul II. in dieser Frage getan hat, rücken, so die Kirchengeschichte, seine unmittelbaren Nachfolger nicht entscheidend davon ab, mag auch die theologische Diskussion darüber anhalten oder sich sogar noch zuspitzen.

Ganz sicher wäre die katholische Kirche bei einer baldigen Einführung der Frauenordination einer noch weit ärgeren Zerreißprobe ausgesetzt als jener, die jetzt bei den Anglikanern im Gange ist. Jene, die dann Grund zur nicht nur klammheimlichen Freude hätten, wären Traditionalisten wie die Piusbrüder, die dadurch unverdienten Zulauf bekämen. Auch in der katholischen Kirche wird es wahrscheinlich eines nicht allzu fernen Tages Frauen in Weiheämtern geben, aber in unmittelbarer Zukunft ist die Zeit dafür weltweit schlicht noch nicht reif.