Sie verlangen "ein sicheres und menschenwürdiges Leben" - jene Flüchtlinge, die seit Wochen in Wien gegen die österreichische Asylpraxis protestieren und sich dieser Tage auch in der Votivkirche niedergelassen haben, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen.

Dass eine christliche Kirche als Ort der Zuflucht gewählt wird, beruht auf einer langen Tradition. Schon im Judentum des Alten Testaments und im antiken Griechenland war es üblich, dass Schutzbedürftige an heilige Stätten, in sakrale Räume, zu Altären oder Götterbildern flüchteten, um dort zumindest vorübergehend - bis die Hüter dieser Stätten über ein Bleiberecht entschieden hatten - Schutz zu suchen. Unter den christlichen Kaisern der Spätzeit des Römischen Reiches bekam das Kirchenasyl eine besondere Stellung, sein Bruch wurde mit Majestätsbeleidigung gleichgesetzt.

Bis in unsere Zeit hat sich der Begriff des "Leo" für einen Platz erhalten, an dem man beim Fangenspiel für eine Weile in Sicherheit ist. Er könnte auf den oströmischen Kaiser Leo I., der 466 die orthodoxen Kirchen als Asylort ausdrücklich legitimierte, zurückgehen, wird aber meist auf den Babenbergerherzog Leopold VI. (1176-1230) bezogen, der den Wiener Kirchen ein verbrieftes Asylrecht einräumte. Im Mittelalter fand das Kirchenasyl Eingang in etliche Rechtssammlungen, es galt damals auch im näheren Umfeld von Kirchenportalen, ja sogar von Wegkreuzen.

Das Erstarken der staatlichen und der Rückgang der kirchlichen Macht führten schließlich dazu, dass das kirchliche Asylrecht bis zum 19. Jahrhundert von allen europäischen Staaten formell aufgehoben wurde. Zwar formulierte das römisch-katholische Kirchenrecht im Codex Iuris Canonici von 1917 noch das "Wohlgefallen" der Kirche am Asylrecht, doch im neuen Codex von 1983 steht dazu nichts mehr. In den letzten Jahrzehnten ist es aber in Mitteleuropa zunehmend vorgekommen, dass katholische und protestantische Kirchengemeinden Flüchtlingen und Schutzbedürftigen Zufluchtsorte zur Verfügung gestellt haben. Sogar der keineswegs religiöse ehemalige DDR-Staatschef Erich Honecker wurde 1990 von einem Pastor im christlichen Dorf Lobetal bei Berlin aufgenommen, als er Zuflucht vor dem Volkszorn suchte.

Nüchtern betrachtet macht sich die Kirche heute nicht unbedingt beliebt, wenn sie Flüchtlinge aufnimmt und sich dafür einsetzt, dass Asylwerber im Land bleiben dürfen. Viele sind dann schnell mit dem abwertend gemeinten Wort "Gutmenschen" bei der Hand und warnen vor Überfremdung, wenn nicht gar "Umvolkung". Pauschale Aussagen zu dieser Thematik sind aber in aller Regel falsch. Mit jedem Asylwerber ist ein individuelles Schicksal verbunden. Jeder einzelne Fall muss geprüft werden. Vorurteile - egal in welche Richtung - sind unfair, Urteile ohne genaue Kenntnis der Situation - die aber offensichtlich auch immer wieder bereits gut integrierte Zuwanderer treffen - sind eines Rechtsstaats nicht würdig.

Für Christen steht bei der Aufnahme von Schutzbedürftigen auch immer das weihnachtliche Geschehen im Hintergrund, die Geburt von Jesus in einem Stall, weil in der Herberge kein Platz war. Die Wirte von Bethlehem waren wahrscheinlich auch keine schlechteren Menschen als wir, ihre Häuser mögen damals wirklich überfüllt gewesen und ihr Misstrauen gegenüber Fremden aufgrund mancher schlechter Erfahrungen durchaus verständlich gewesen sein. Dass die hochschwangere Maria bei Ochs und Esel ihr Kind bekommen musste, spricht jedenfalls nicht für besondere Gastfreundschaft oder Nächstenliebe in Bethlehem. Der Volksbrauch des Herbergssuchens rückt diejenigen, die anderen das Tor verschließen, in kein gutes Licht.

Doch die Suche nach einem sicheren Quartier ist für viele kein Volksbrauch, sondern nackte Realität vor dem Hintergrund existenzieller Bedrohung. Dahinter steht eine Problematik, die langfristig nur auf globaler Ebene durch das Zusammenwirken unzähliger Gutmenschen ohne Anführungszeichen gelöst werden kann. Einen Weg dorthin weist die Geschichte von Maria und Josef in Bethlehem. Wenn wir ehrlich sind, ist uns bewusst, dass die beiden auch im Österreich von heute eher nicht einen Platz in der Herberge gefunden hätten.