Schon das biblische Jesus-Wort "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist" deutet darauf hin, dass weltliche Macht und religiöse Autorität zu unterscheiden sind. Mitunter kann der Mensch, nicht nur der religiöse, gegenüber einer diktatorisch und menschenverachtend ausgeübten weltlichen Macht vor einer Gewissensentscheidung stehen: Es gab viele Widerstandskämpfer aus religiösen, aber auch aus anderen Gründen.

Der polemische, unsachlich argumentierende Ton des "neuen Atheismus", der sich im genannten Volksbegehren niederschlägt, die "geradezu religiöse Inbrunst" (so der evangelische Theologe Ulrich Körtner), mit der gegen Religion gekämpft wird, macht leider keine gute Musik. Auf dieser Linie liegt auch eine Beschwerde der Initiative "Religion ist Privatsache", ORF-Mann Robert Ziegler habe mit einer Weisung, den norwegischen Massenmörder Anders Breivik nicht als "christlichen Fundamentalisten", sondern als "Rechtsextremisten" oder "religiösen Fanatiker" zu bezeichnen, gegen das ORF-Gesetz in Sachen Meinungs- und Rundfunkfreiheit verstoßen. Ein soeben erfolgtes Urteil des Verfassungsgerichtshofs sieht hier allerdings keine Verletzung des ORF-Gesetzes. Wenn Breivik ein "christlicher Fundamentalist" ist, dann verdienen vielleicht auch der katholisch getaufte Adolf Hitler und der einstige orthodoxe Priesterseminarist Josef Stalin die Bezeichnung "christliche Diktatoren".

Neuere Untersuchungen legen den Verdacht nahe, dass zwischen echtem religiösem Fundamentalismus und militantem Atheismus eine Art Wechselbeziehung besteht. Beide Gruppen stacheln einander auf und werden dadurch größer. Wenn es zutrifft, dass mit dem Atheismus auch wieder Religiosität wächst, würden in diesem Fall die "Lauen" weniger werden, möglicherweise aber auch die Friedfertigen, die weder einen gewaltsamen "Clash of Religions" noch einen radikalen Kampf zwischen Theisten und Atheisten erleben wollen. Es steht zu befürchten, dass wir uns dank der Hardliner innerhalb und außerhalb der Religionen von jener modernen aufgeklärten Gesellschaft, die gerade die Religionskritiker auf ihre Fahnen geschrieben haben, rasant wieder entfernen.