Wer um den 15. August in Italien Urlaub machen will, tut gut daran, sein Quartier schon möglichst früh zu bestellen. Denn zu "Ferragosto" befinden sich fast alle Bewohner von Europas Stiefel in den Ferien, häufig im eigenen Land. Der bereits auf die "feriae Augusti", die Kaiser Augustus nach seinem Sieg über Marc Anton erstmals vom 13. bis zum 15. August des Jahres 29 vor Christus ansetzte, zurückgehende Feiertag am 15. August dürfte der älteste unseres Kontinents sein. In christlich geprägten Ländern wird heute an diesem Tag das Fest Mariä Himmelfahrt begangen, das im 5. Jahrhundert in der Ostkirche und im 7. Jahrhundert in der lateinischen Kirche eingeführt wurde.

Mit dem Fest verbunden ist in Österreich seit einigen Jahrzehnten der Brauch von Schiffsprozessionen auf dem Wörthersee und auf dem Bodensee. Schon seit dem Mittelalter ist es üblich, an diesem Tag heilende Kräuter zu segnen. Ein Anlass für diese Tradition könnten die Legenden über das Grab der heiligen Maria sein: Eine besagt, dass es, als es die Apostel noch einmal öffneten, statt des Leichnams nur noch duftende Rosen enthalten haben soll, eine andere, dass dem Grab im Augenblick der Aufnahme Marias in den Himmel ein Wohlgeruch von Kräutern und Blumen entströmte.

Moderne Menschen können vermutlich mit dem Begriff "Himmelfahrt" wenig anfangen, nur der Begriff "Himmelfahrtskommando" für ein nahezu aussichtsloses Unterfangen wird im Alltag noch verwendet. Im Fall Maria gaben die Christen damit ihrer Überzeugung Ausdruck, dass die Mutter ihres Religionsstifters und Erlösers, die sich in ihrem Leben als Vorbild im Glauben und in der Liebe bewährt habe, sofort nach ihrem Tod zum ewigen Heil gelangt sein müsse. Einen verbindlichen Lehrsatz des katholischen Glaubens, ein Dogma, hat daraus erst Papst Pius XII. mit dem Lehrschreiben "Munificentissimus Deus" vom 1. November 1950 über die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel gemacht.

Dieses Dogma ist das erste und bisher einzige, das ein Bischof von Rom verkündet hat, nachdem am 18. Juli 1870 auf dem 1. Vatikanischen Konzil das Konzilsdekret "Pastor Aeternus" die Unfehlbarkeit des Papstes definiert hatte. Das Dogma von der Unfehlbarkeit, das sofort die Abspaltung der Altkatholiken von der römisch-katholischen Kirche zur Folge hatte, besagt, der Papst sei dann unfehlbar, wenn er ausdrücklich "ex cathedra" (in höchster Lehrgewalt) eine bestimmte Glaubens- oder Sittenlehre festlegt. Etliche Theologen, insbesondere der Schweizer Hans Küng, haben sich kritisch zur Unfehlbarkeit des Papstes geäußert. Als Pius XII. 1950 davon Gebrauch machte, hatte er klugerweise vorher die Meinung aller Bischöfe zu einer Dogmatisierung der Aufnahme Marias in den Himmel eingeholt und offenbar weitestgehend Zustimmung gefunden.

Wenn eine weltweite Glaubensgemeinschaft für alle ihre Mitglieder verbindliche Glaubenssätze definiert, ist das sinnvoll und ihr gutes Recht. Ob aber jedes Mitglied der römisch-katholischen Kirche jeden einzelnen dieser Sätze glauben kann und will, ob alle Katholikinnen und Katholiken darauf vertrauen können, dass im Zweifelsfall eine einzige Person unfehlbar die göttliche Wahrheit verkündet, sei dahingestellt. Der auf Pius XII. folgende Papst Johannes XXIII., an den der heutige Pontifex Franziskus in manchem erinnert, hat einmal gesagt: "Der Papst ist unfehlbar, wenn er ex cathedra spricht. Ich bin nicht unfehlbar. Ich werde nie ex cathedra sprechen."

Offenbar hat dieser sehr menschliche und beliebte Bischof von Rom erkannt: Die Kirche nur mit dem Einschwören auf Dogmen zusammenhalten zu wollen, ist wahrscheinlich ein aussichtsloses Unterfangen - ein "Himmelfahrtskommando".