Franz-Peter Tabertz-van Elst, dem Bischof der deutschen Diözese Limburg, werden Verschwendung und Lüge vorgeworfen. Die Kosten für seine Residenz sollen mindestens 31, vielleicht sogar an die 40 Millionen Euro betragen. Einen First Class-Flug nach Indien hat der stramm konservative Kirchenmann bestritten, nun verfolgt ihn die Staatsanwaltschaft wegen einer falschen eidesstattlichen Erklärung. So weit, so schlecht.

Dass Bischöfe heute nicht mehr wie feudale Kirchenfürsten vergangener Zeiten fuhrwerken können, sollte längst durch entsprechende Gremien und Kontrollmechanismen sichergestellt sein, meinte man. Die Limburger Affäre, die den Kirchenkurs des neuen, auf Armut und Bescheidenheit setzenden Papstes Franziskus konterkariert, belehrt uns, wie aktuell das 23. Kapitel des Matthäus-Evangeliums geblieben ist, wie sehr es nicht nur auf die Pharisäer der Zeit Jesu, sondern auch auf einzelne heutige "Würdenträger" zutrifft.

Da ist die Rede von jenen, die anderen Lasten auferlegen, aber selbst keine tragen wollen, die "ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Gewändern lang" machen, die überall die Ehrenplätze und besten Sitze haben wollen, die sich gerne auf den Straßen und Plätzen grüßen und Meister oder Lehrer nennen lassen, die sich beim Schwören Hintertüren offen lassen, wann ein Eid gültig ist und wann nicht. Es lohnt sich immer wieder, dieses Matthäus-Kapitel zu lesen, das letztlich das Dienen über das Herrschen stellt: "Der Größte von euch soll euer Diener sein. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden."

Unabhängig davon, wie Papst und Kirche nun mit dem zur Last - und Argument für Kirchenaustritte - gewordenen Limburger Bischof verfahren, bleibt die Grundsatzfrage, wie weit ein einzelner offensichtlich unglaubwürdiger Repräsentant einer Religionsgemeinschaft dieser Gemeinschaft schaden, wie sehr ihr auf der anderen Seite eine Lichtgestalt an der Spitze, wie sie Papst Franziskus für viele darstellt, nützen kann.

Ich kenne Christen, die sich zumindest nach außen völlig unbeeindruckt von Skandalen in ihrer Kirche geben. Dass dieser oder jener prominente Geistliche Kirchengelder verschleudert oder Kinder missbraucht hat, sei natürlich sehr bedauerlich, aber das habe doch überhaupt nichts mit ihrem Glauben an Gott, an Christus und auch an die Bedeutung der Kirche zu tun. Im Mittelalter oder in der Renaissance seien noch viel ärgere Sünder - siehe die aktuelle TV-Serie "Borgia" - in höchsten kirchlichen Funktionen gewesen, und die Kirche habe auch das überdauert.

Auf der anderen Seite scheinen manche nur auf den nächsten mehr oder minder großen Kirchenskandal zu warten, um dieser Institution endlich den Rücken kehren zu können. Wer ehrlich ist, wird aber zugeben müssen, dass der Limburger Bischof nicht wirklich repräsentativ dafür ist, was von der römisch-katholischen Kirche heute geleistet wird - obwohl das, was er sich geleistet hat, keinesfalls als Bagatelle unter den Tisch gekehrt werden darf. Ob jemand tatsächlich dem christlichen Glaubensbekenntnis zustimmen kann oder nicht, sollte im Grunde nicht vom Verhalten einzelner heutiger Kirchenvertreter abhängen. Aber stimmt das in der Praxis? Und kann dieses Verhalten nicht sehr wohl Einfluss darauf haben, ob jemand einer ganz bestimmten Kirche angehört und dort seine Beiträge zahlt?

Denn der Glaube der Menschen orientiert sich nicht nur an mehr oder weniger einleuchtenden Glaubenssätzen auf Papier, sondern sehr wohl auch an jenen, die diese Glaubensbotschaft ständig professionell verkünden. "Wer euch hört, hört mich, wer euch verachtet, der verachtet mich", steht im 10. Kapitel des Lukas-Evangeliums. Das wird immer so gelesen, als ob die "amtlichen" Vertreter des Christentums, also vor allem die Bischöfe, mit quasi göttlicher Autorität ausgestattet wären. Man kann es aber auch so lesen, dass die Verkünder des Glaubens ganz besondere Verantwortung tragen, denn von ihnen - und von der Übereinstimmung zwischen ihrem Lehren und Leben - kann es abhängen, ob man auf Christus hört oder das Christentum verachtet. Wenn es keine Menschen mehr gibt, die durch ihr Leben die positive Strahlkraft ihrer Religion bezeugen - und das gilt sicher nicht nur für das Christentum -, wird diese Religion eher früher als später in Bedeutungslosigkeit versinken.