Das Reichen der Kommunion durch Schlitze zwischen Stahllatten eines Grenzzauns - diese außergewöhnliche Situation erlebten jüngst Bischöfe und Gläubige an der Grenze zwischen den USA und Mexiko. Mit einem Gottesdienst bei Nogales (Arizona), dem "amerikanischen Lampedusa", wollten katholische Bischöfe der USA, angeführt vom Bostoner Erzbischof Kardinal Sean O’Malley, das Elend der Einwanderer aus Mexiko ins Bewusstsein rufen und der mehr als 6000 Menschen gedenken, die seit 1998 beim Versuch des Grenzübertrittes (den Jahr für Jahr rund 400.000 Personen unternehmen) ihr Leben verloren haben.

Migration, so haben kürzlich in Wien forschende Demografen festgestellt, ist ein überschätztes Phänomen. Die weltweiten Wanderungsbewegungen sind seit 1990 weitgehend stabil, meist bleiben Migranten in ihrer Region oder in deren Nähe. Nicht so sehr die Auswirkungen der Globalisierung, sondern bewaffnete Konflikte bewegen Menschen zum Verlassen ihrer Heimatländer. Gewalt und Drogenkriminalität, wie sie in Teilen Mexikos regieren, dürften auch der Hauptanlass für die Lage am 3000 Kilometer langen Sperrzaun zwischen den USA und Mexiko sein.

Bereits im Februar hatte die US-Bischofskonferenz vom Kongress gefordert, das "menschenunwürdige und dem Grundprinzip der amerikanischen Demokratie widersprechende" Einwanderungssystem noch in dieser Legislaturperiode zu reformieren. Im Umfeld des Besuches von US-Präsident Barack Obama beim Papst, bei dem das Thema auch angesprochen wurde, machten sich die Bischöfe und mit ihnen andere Religionsvertreter nun erneut für ein neues Einwanderungsrecht stark. Dabei wird die Aufnahme von Migranten nicht nur als politische oder ökonomische, sondern vor allem als moralische Frage betrachtet.

Wie christliche US-Amerikaner die Thematik sehen, hat gerade erst das Pew Research Center erhoben. Immerhin 73 Prozent aller Amerikaner befürworten unter bestimmten Bedingungen ein Aufenthaltsrecht für illegale Einwanderer in den USA. Punkto Konfessionszugehörigkeit gibt es allerdings feine Unterschiede. Protestanten teilen nur zu 69 Prozent diese Sicht - die Afroamerikaner unter ihnen aber zu 76 Prozent. Katholiken sind immerhin zu 77 Prozent für ein Aufenthaltsrecht - wobei die Katholiken mit spanischsprachigen Wurzeln ("Hispanics") mit 91 Prozent den Durchschnitt beachtlich heben, die übrigen Katholiken liegen mit 70 Prozent nur knapp vor den Protestanten.

49 Prozent der US-Bürger halten es für extrem oder sehr wichtig, dass Präsident und Kongress noch heuer das Einwanderungsrecht reformieren. Genau 49 Prozent sind es auch bei den nicht-hispanischen Katholiken, die damit noch vor den Protestanten (46 Prozent), aber deutlich unter dem katholischen Durchschnittswert von 59 Prozent liegen, der wieder von den Hispanics (73 Prozent) deutlich gehoben wurde.

Völlig gespalten ist die amerikanische Bevölkerung in der Frage, ob die Zunahme an Deportationen von illegalen Einwanderern in den letzten Jahren eine gute oder schlechte Sache sei. Bei jenen, die eine Antwort gaben, lautet das prozentuale Verhältnis 45:45, sowohl bei Katholiken (47:46) als auch bei Protestanten (46:44) haben knapp jene die Mehrheit, welche die Abschiebungen eher für eine gute Sache halten. Innerhalb der Konfessionen sind allerdings Brüche erkennbar. Bei den Katholiken halten die Hispanics (59:34) die Deportationen für schlecht, die übrigen (56:37) für gut. Bei den Protestanten lehnen die Schwarzen die Abschiebungen mehrheitlich ab, die Weißen sind deutlich dafür.

Das Pew Research Center kommt zu dem Schluss, dass in dieser Frage die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe oder zu einer Partei (Republikaner befürworten die Abschiebungen deutlich mehr als Demokraten) viel entscheidender ist als das Religionsbekenntnis. Schon 2010 hatten bei einer Pew-Umfrage nur 7 Prozent der Befragten erklärt, dass ihr religiöser Glaube den größten Einfluss auf ihre Haltung zu illegaler Einwanderung habe. 26 Prozent nannten ihre persönliche Erfahrung, 20 Prozent ihre Erziehung und 20 Prozent Informationen aus den Medien als maßgeblichen Einflussfaktor.

Wie so eine Umfrage wohl derzeit bei uns ausfallen würde? Wenn sich gerade ein Massenblatt auf eine Reihe von absoluten Vandalenakten in Wiener Kirchen gestürzt und den mutmaßlichen Täter als den typischen Asylanten hingestellt hat, kann man es sich vorstellen. Versöhnliche Töne, ob aus einem aufgeklärten Humanismus oder einem echten religiösen Glauben heraus, drohen da unterzugehen. Ein 45:45 wie in den USA wäre da schon ein fast überraschendes Ergebnis.