"Wir waren arm, hatten aber immer etwas zum Essen." Mit Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend in Vorarlberg leitet Bischof Erwin Kräutler seinen Vortrag zum Thema "Leben mit den Armen - Kampf für Gerechtigkeit" ein. "Richtig habe ich die Armut erst in Südamerika kennengelernt", erzählt er seinen Zuhörern im vollen Saal des Wiener Raiffeisenhauses am Donaukanal. Dom Erwin, wie er in seiner Diözese am brasilianischen Xingu genannt wird, spricht an diesem Dienstagabend ohne Manuskript über sein Leben, über seinen Einsatz für die Ausgebeuteten und Unterdrückten, über seine Träume von einer erneuerten Kirche. Vieles davon kann man in seinem Buch "Mein Leben für Amazonien" (Tyrolia Verlag) nachlesen, das er nach dem Vortrag zu Dutzenden signiert. Manches von dem, was er sonst sagte, steht auch schon in einem Interview, das er kürzlich der "Wiener Zeitung" gab.

Schon Erwins Onkel, dessen lange Briefe in der Familie herumgereicht wurden, war Priester und dann Bischof am Xingu. Als er selbst als junger Priester dorthin kommt, empfindet er die Gegensätze, die er dort vorfindet und das biblische Gleichnis vom reichen Prasser und vom armen Lazarus wachrufen, als Schock: einerseits bitterste Armut, anderseits ein höherer Militär, der in Saus und Braus lebt. "Ich habe mich nie damit abgefunden", sagt Dom Erwin. Und: "Armut fällt nicht vom Himmel. Armut ist kein Schicksal, Armut wird gemacht."

Bischof Kräutler schildert den Weg der katholischen Kirche in Südamerika zur "Option für die Armen", beginnend mit der kontinentalen Bischofssynode von Medellin nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, den Aufbau von Basisgemeinden. "Das ist kein verkappter Marxismus", betont er, "die Befreiungstheologie ist ganz biblisch!" Ihr Ausgangspunkt sei das dritte Kapitel im alttestamentarischen Buch Exodus: "Ich habe das Elend meines Volkes gesehen..." Dazu komme natürlich das Neue Testament, vor allem mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter.

"Ich habe nie provoziert", betont Dom Erwin. Zur Symbolfigur für das Ringen der Armen und der Indigenen in Brasilien ist er geworden, weil er schlicht und einfach auf der Basis des Evangeliums für deren Rechte eintrat. Als Menschen, denen man monatelang ihren gerechten Lohn vorenthalten hat, die wichtige Durchgangsstraße Transamazonica blockieren und er sich mit ihnen solidarisiert, wird er brutal misshandelt. Er staune manchmal selbst, meint er schmunzelnd, wie dieses Ereignis von 1983 später immer mehr ausgeschmückt wurde. Tatsache ist: Nach Anschlägen auf ihn und der Ermordung von Mitarbeitern lebt er seit Jahren unter Polizeischutz.