Sotschi. Die Frage sorgte weltweit für Spannung: Wie würde der junge Norweger seine erste Partie mit Weiß anlegen? Den Königsbauern auf e4 zu ziehen, diese Idee konnte den Inder aber nicht wirklich überraschen. Denn Viswanathan "Vishy" Anand scheint, wie immer eigentlich, perfekt vorbereitet zu sein – vor allem was das Eröffnungsrepertoire anbelangt. Und so wählte er, fast auf den Tag genau 25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, die sehr stabile "Berliner Verteidigung". Doch keine Sorge, auch die zweite Partie der Schach WM sollte alles andere als passiv verlaufen.

Obwohl in der ersten Stunde scheinbar nicht viel Nennenswertes passierte. Anand nestelte stoisch an seinen Fingern. Magnus Carlsen trug seine charakteristischen Augenringe, die durch die steile Deckenbeleuchtung noch tiefer wirkten als sonst. Doch während er wie gewohnt an seiner Unterlippe kaute, braute sich auf dem Brett etwas zusammen. Unscheinbar zunächst, quasi im Verborgenen. Wie ein fernes Grummeln, aus dem ein großes Unwetter entstehen könnte.

Als Anand im 18. Zug seinen Läufer auf e6 stellt, ahnten noch die wenigsten, dass dies bereits der Anfang vom Ende war. Nach der Partie meinten beide Spieler, dass der Zug … Df7 wohl der bessere gewesen wäre. Carlsen gelang ab diesem Zeitpunkt genau das, wovon er geträumt haben dürfte: er hat (mit Unterstützung seines Gegners) eine sehr fiese Position für Schwarz auf's Brett gezaubert, aus der heraus er genau jenes unbarmherzige Schach spielen konnte, für das er gleichermaßen berühmt wie gefürchtet ist.

Selbst die Verteidigungskünste Anands halfen hier nichts mehr. Carlsen zog die Schlinge ganz langsam und stetig zu. Man konnte den Untergang des Inders wie in Zeitlupe mitverfolgen. Seine Lage  war schwierig, aber war sie auch schon komplett aussichtslos? Als Anand dann aber auch noch patzte und im 34. Zug seinen Bauern auf h5 vorzog, konnte es Carlsen erst gar nicht glauben. Er zog mit seiner Dame unbehindert auf b7 vor, mit einem Schlag war die Partie vorbei. Anand reichte Magnus sofort die Hand und die Weltmeisterschaften haben bereits nach dem zweiten Spiel ihren ersten Sieger.

Morgen ist Ruhetag. Anand wird ihn brauchen können. Er muss eine Strategie finden,um ein frühes Déjà-vu zu vermeiden.