Als Vishy Anand vor ziemlich genau einem Jahr seinen Weltmeistertitel im heimatlichen Chennai gegen Magnus Carlsen verlor, berichtete er im Nachhinein von fehlendem Selbstvertrauen, unerklärlichen Fehlern und qualvollen, schlaflosen Nächten.

Sein Schach war damals in der Krise, meinte er. Doch nun sei alles anders, er sei spielerisch wieder viel stabiler, es mache wieder Spaß. Und man glaubte ihm. Die Turniere, die er dieses Jahr spielte, waren gut bis sehr gut. Der alte Anand war zurück. Besonders das Kandidatenturnier, das er in beeindruckender Manier gewann, strafte alle Kritiker Lügen. Langsam wurden Stimmen laut, dass die diesjährige WM wohl eine knappere Angelegenheit werden würde als die letzte. Carlsen galt weiterhin als Favorit, doch nicht wenige warnten davor Anand zu unterschätzen. Selbst Carlsen twitterte nach der ersten Partie: "Drew black in the first game. This match is indeed nothing like the first"

Und dann passierte es wieder. Im zweiten Spiel kommt Anand mühelos durch die Eröffnung, aber im Mittelspiel, beginnt der Motor zu stottern. Es schleichen sich Ungenauigkeiten ein. Sein Spiel wirkt unsicher, in manchen Zügen ein wenig unentschlossen. Und es sind Fehler, die ausgerechnet in ein Gebiet fallen, in denen Carlsens größte Stärke liegt. So gesehen ist der Norweger in jeglicher Hinsicht das Schlimmste, was Viswanathan geschehen konnte. Und man hat auch das Gefühl, dass der Hund bei Anand tiefer, nicht nur am Schachbrett, begraben ist. Eine Schach-WM ist immer auch ein Nervenkrieg. In einem seiner letzten Interviews vor der WM meinte Anand: "Was auf dem Brett passiert, passiert auch mit dir. Wenn du verlierst, wirst du auseinandergerissen. Du nimmst die Attacken persönlich."

Die Schachwelt fragt sich: "Wie geht es Anand?"

Daher fragte sich die Schachwelt heute vor allem: "Wie geht es Anand?" Er muss zurückschlagen, möglichst schnell – aber kann er das? Er müsste den Norweger endlich einmal in einem WM-Spiel besiegen. Nicht nur, um wieder zurück im Rennen zu sein, sondern um sich selbst zu beruhigen. Um sich zu beweisen, dass es möglich ist! Carlsen hingegen ist in seiner Lieblingsposition. Er liegt vorne. Er lässt Anand nun spielen, lehnt sich zurück und wenn sich ihm eine Möglichkeit bietet, wird er zum nächsten Schlag ausholen. In dem Wissen, dass ein zweiter Knock-out bereits das Ende bedeuten könnte – denn zwei ganze Punkte Vorsprung werden (auch wenn die WM noch jung ist) zuviel sein für den Inder.

Licht aus, Spotlights an, die dritte, psychologisch so wichtige Partie beginnt. Anand zieht mit d4 an. Abgelehntes Damengambit steht heute auf dem Programm. Einer der ganz großen Klassiker unter den Eröffnungen. Anand versteckte sich nicht, sondern spielte eine scharfe und riskante Variante. Die beiden folgten dabei lange der Partie Levon Aronian gegen Michael Adams (gespielt beim Bilbao Masters 2013). Im 20. Zug wich Anand dann mit fxe4 ab. Zu diesem Zeitpunkt hatte Carlsen bereits 30 Minuten mehr an Bedenkzeit als sein Gegenüber verbraucht.

Anand, scheinbar wieder perfekt vorbereitet, spielt hingegen immer schneller und zeigt so seinem Gegner: "Ich kenn' mich aus in dieser Position!". Carlsen verbraucht weiter viel Zeit, muss er sich doch mit dem in dieser Variante bereits früh weit vorgerückten weißen Bauern auf c7 herumärgern. Vielmehr als Anand sich um Carlsen Bauern auf a3 Sorgen machen muss. Carlsen beginnt sein Sakko an-, aus- und wieder anzuziehen. Aber nicht nur das Jackett im Jeanslook scheint dem jungen Weltmeister unangenehm zu sein. Auch die Position ist es. Vor allem wenn er dabei immer wieder mal auf seine Uhr schielt.

Die Uhr tickt

Denn diese tick unbarmherzig zu Gunsten des Inders. Anand scheint nun, nur eine Partie nach seiner Niederlage, tatsächlich etwas in der Hand zu haben. Aber reicht es um tatsächlich zurückzuschlagen? Carlsen hat kaum noch Zeit, und auch die Felder, auf die er ziehen kann, werden knapp. Es sind genau jene Positionen, die Anand erreichen wollte und muss, um Carlsen nervös zu machen. Der Norweger muss schließlich einen Turm für einen Läufer geben. Alles sieht jetzt danach aus, als würde der Titelverteidiger seine erste WM-Partie überhaupt verlieren. Carlsen bleiben gerade noch 30 Sekunden für sieben Züge auf der Uhr. Anand muss jetzt nur noch ruhig bleiben. Bleibt er! Nach 34 Zügen und nur dreieinhalb Stunden Spielzeit reicht der Titelverteidiger mit versteinerter Miene dem Herausforderer die Hand und gibt die Partie auf.

Die WM ist wieder offen und Anand beweist sich und der Welt, dass dieses Jahr tatsächlich etwas anders ist.